Einsatz und Ausbildung

Der Krieg um unsere Gedanken

Informationsoperationen beginnen lange vor einem konventionellen Konflikt mit Desinformation, Propaganda und Fake News. Gegenmassnahmen im Informationsraum sind daher immer die «First Line of Defense» in hybriden Bedrohungsszenarien. Es ist zentral, diese Domäne nicht dem Gegner zu überlassen, sondern die Hoheit darüber zu bewahren oder wiederzuerlangen. Die Bedeutung des Informationsraumes hat in der Schweizer Armee im vergangenen Jahr erfreulicherweise zugenommen. Ein in Arbeit befindliches «Grundlagenpapier Informationsraum» dürfte die Basis für die Entwicklung entsprechender Fähigkeiten legen. Der Informationsraum wird dabei als strategischer Raum verstanden, der weit über Marketing oder Verwaltungskommunikation hinausgeht. Ziel ist die Deutungshoheit über die eigenen Botschaften und Aktionen der Armee.

Im Gegensatz zu klassischen Domänen wirkt der Informationsraum domänenübergreifend. Die menschliche Psyche wird dabei zur Zielscheibe, weshalb sowohl technische als auch psychologische Komponenten in der Abwehr zu berücksichtigen sind. NATO und westliche Armeen sprechen in diesem Zusammenhang von «Cognitive Warfare»: einer Kriegsführung, die auf die Beeinflussung und Manipulation menschlicher Kognition wie Denken, Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und Verhalten sowie auf die Destabilisierung von Gesellschaften abzielt.

Historische Wurzeln und aktuelle Bedrohungen

Die Idee, den Geist des Gegners zu beeinflussen, ist so alt wie der Krieg selbst. Täuschung und Informationskontrolle waren stets Teil der Kriegsführung: Sun Tzu lässt grüssen. Die Sowjetunion perfektionierte kognitive Kriegsführung mit «aktiven Massnahmen» wie Desinformation, psychologischen Operationen und subversiver Einflussnahme. Heute kombiniert Russland diese Taktiken mit Social Media, KI-generierter Propaganda und Cyberoperationen, um die gesellschaftliche Kohäsion zu schwächen und das Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben.

Cognitive Warfare und Informationsoperationen sind somit keine neue Form des Konflikts, sondern eine Weiterentwicklung traditioneller Strategien der Täuschung und Beeinflussung, die jedoch in einer stark vernetzten Welt eine zentrale Bedeutung erhalten.

Ab 1969 wurde an alle Schweizer Haushalte das «Zivilverteidigungsbuch» abgegeben: Verteidigung im Informationsraum beginnt mit dem eigenen Narrativ.
Bild: VBS

Diese zentrale Rolle zeigt sich in der strukturellen Integration von Cognitive Warfare in militärische Strukturen und Abläufe. In vielen westlichen Armeen ist strategische Kommunikation (StratCom) ein eigenständiges und gleichberechtigtes Führungsgrundgebiet (FGG 10). Informationsoperationen (InfoOps), psychologische Operationen (PsyOps) und Military Public Affairs sind eng mit Nachrichtendienst, Operationen und zivil-militärischer Zusammenarbeit (CIMIC) verzahnt. Der Chief StratCom (J 10) verantwortet die strategische Ausrichtung der Kommunikation, berät die militärische Führung, koordiniert Massnahmen und steuert die Analyse gegnerischer Narrative.

Das Narrativ als Führungsinstrument

Jede Überlegung zum Krieg im Informationsraum beginnt mit dem eigenen Narrativ – den sinnstiftenden Erzählungen, welche die Wahrnehmung und Bewertung der Realität prägen. Es geht nicht nur um Information, sondern um Bedeutung und Deutungshoheit. Narrative verbinden Fakten mit Emotionen, Geschichte mit Zukunft, Identität mit Verhalten. Ohne ein starkes, gestaltendes Narrativ bleibt man reaktiv und manipulierbar. Ziel muss die Stärkung der Widerstandskraft gegen psychologische Manipulation, Fake News und Meinungsbeeinflussung sein. Früher nannte man das Wehrwille und geistige Landesverteidigung.

Handlungsbedarf für die Schweizer Armee

Mit der wachsenden Bedeutung des Informationsraumes steigt auch für die Schweizer Armee die Relevanz der Kommunikation respektive der Bewirtschaftung des Informationsraumes als führungs- und operationskritische Domäne. Fähigkeiten und Leistungen im Informationsraum sind jedoch nicht mit Marketingkommunikation (Werbung/Vermarktung) oder der Verwaltungskommunikation zu verwechseln respektive gleichzusetzen. Beides ist wichtig und gehört zu einer modernen Armee. Jedoch sind sie unserer Meinung nach Aufgabe der Verwaltung.

Unsere Verteidigungsfähigkeit auch im Informationsraum zu stärken, bedeutet konkret, Truppenkommunikation zu stärken, offensive Medienarbeit zu betreiben und Informationsoperationen als Teil militärischer Aktionen zu planen und durchzuführen. Dazu braucht es die Bereitschaft, alle verfügbaren Kanäle und Fähigkeiten zu nutzen, die entsprechende Ausbildung, das Material und vor allem eine Grundhaltung, die bezüglich Kommunikation nicht auf Kontrolle, sondern auf Auftragstaktik setzt. Die Kommunikation muss direkt in Führungs- und Entscheidungsprozesse eingebettet werden. Der Verein «Komm Netzwerk A», der die Kommunikationsspezialisten in der Schweizer Armee vertritt, hat sich im vergangenen Jahr vertieft Gedanken gemacht, was durch wen zu tun ist. Die folgenden Massnahmen können rasch und verhältnismässig kostengünstig umgesetzt werden:

Kernbereiche für den Fähigkeitsaufbau (in Klammern die möglichen Zuständigkeiten)

• Strategische Klärung: Die Armeeführung muss rasch strategisch klären, welche Fähigkeiten im Informationsraum aufgebaut werden sollen.

• Truppenkommunikation: Die interne Kommunikation in den Einheiten muss als auftragsrelevantes Führungsinstrument der Kommandanten positioniert und genutzt werden und nicht nur als Kanal, auf dem stimmungsvolle Fotos und Berichte publiziert werden (Truppenkörper und grosse Verbände).

• Military Public Affairs: Militärische Öffentlichkeitsarbeit muss darauf ausgerichtet werden, die Deutungshoheit der Botschaften der Armee in einer Region oder bei einer gewissen Zielgruppe zu erlangen (Verwaltung, operative Stufe).

• Militärische Medienproduktion: Professionelle Medienprodukte (Audio, Print, Bild und Bewegtbild) müssen zentral hergestellt werden können, um die Arbeit der Miliz-Kommunikationsspezialisten bei der Truppe (PIO) zu verstärken (operative Stufe).

• Antizipation und Identifikation: Informationsoperationen gegen die Armee müssen frühzeitig erkannt und analysiert werden, um strategische Vorteile zu sichern. Dazu müssen Kompetenzen und ein gemeinsames Lagebild (auch zusammen mit zivilen Behörden) aufgebaut werden (operative Stufe).

• Strategische Kommunikation: Offensiver Einfluss auf gegnerische Formationen im Informationsraum bedingen die Fähigkeit, Informationsoperationen führen zu können (operative und militärstrategische Stufe).

Strukturelle und organisatorische Massnahmen

Der Informationsraum wird in den militärischen Strukturen und Dokumenten der Schweizer Armee nicht oder nur ungenügend abgebildet. Beispielsweise gehört eine stufengerechte Beurteilung des Informationsraumes noch lange nicht zum Standard eines jeden Lagebilds. Dieser Umstand ist in den Reglementen und in der Ausbildung zu korrigieren. Dabei kann man auf ausländische Standards und Wissen aus der Miliz zurückgreifen.

Der Informationsraum muss zwingend Teil jedes Lagebildes sein.
Bild: VBS
Zwei AdA stehen vor einem grossen Bildschirm, der eine digitale Karte von Thun zeigt. Sie arbeiten mit dem Führungssystem SitaWare Headquarters – einer Software zur Echtzeit-Lageführung, Koordination und Entscheidungsunterstützung in militärischen Einsätzen. Tracking, Echtzeitlage, Standortübermittlung, Friendly Force Tracking, Blue Force Tracking, Innovation, Technologie,

Der Informationsraum ist keine klar abgegrenzte Domäne. Die Wechselbeziehung zum «zivilen» Informationsraum ist gross, deshalb ergibt eine getrennte, rein militärische Betrachtungsweise in einem demokratischen westlichen Staat wie der Schweiz keinen Sinn. Dieser Umstand macht das Thema Informationsraum zusätzlich komplex, wobei jedoch gerade für die Schweizer Milizarmee daraus eine Chance entsteht: Viel Know-how und Expertise in Bezug auf das Wesen und das Funktionieren des Informationsraumes kann bei der Miliz abgeholt und aktiviert werden, wie es bis 2003 beim damaligen Info Regiment 1 erfolgreich praktiziert wurde.

Heute hat die Armee keine Strategie, geschweige denn Strukturen und Ausbildungsgefässe, um sich dieses zivile Wissen über die Miliz nutzbar zu machen. Die über 200 Miliz-Kommunikationsspezialisten der Armee haben bezüglich «eigener Truppengattung» keine Heimat. Ein neu zu schaffendes Gefäss kann die Ausbildung und den Know-how-Aufbau sämtlicher Armeeangehöriger, die im Bereich Informationsraum tätig sind, sicherstellen. Mit der Schaffung eines «Kompetenzzentrums Informationsraum» (Komp Zen Info Raum), analog dem Komp Zen ABC-KAMIR, kann der militärische Bereich der Kommunikation/Information geschaffen werden – in klarer Abgrenzung zur zivilen Verwaltungskommunikation der Armee. Dieses Kompetenzzentrum soll als Profizelle die Doktrinstelle für alle Fragen rund um die Kommunikation im Informationsraum sein und dort aktiv werden, wo die Berufskomponente eine 7/24-Präsenz sicherstellen muss. Die Ausbildung der «Spezialisten Info Raum/Komm» in den spezialisierten Organisationen, aber auch in allen grossen Verbänden und Truppenkörpern, ist zentral und neu zu gestalten: Hier muss ein Komp Zen Info Raum zwingend die Hauptverantwortung übernehmen.

Analog der Organisation der ABC-Abwehrtruppen kann ein «Info Bat 1» die Milizformation für die Bewirtschaftung des Informationsraumes auf operativer Stufe sein und die Durchhaltefähigkeit des Komp Zen Info Raum sicherstellen. Zudem kann eine solche Formation in einer Schwergewichtszone im Verteidigungsfall eingesetzt werden.

Da die Bewirtschaftung des Informationsraumes in allen Aggregatszuständen eine enge Koordination der Regierungskommunikation auf allen föderalen Stufen bedingt, ist eine institutionalisierte Koordination von Massnahmen im Informationsraum vorzusehen. Dies kann eine Aufgabe der Verwaltungskommunikation sein.

Aufbau eines nationalen Narrativs essenziell

Der Krieg im Informationsraum ist Realität und er findet bereits heute statt. Wer nicht vorbereitet ist, verliert operative Handlungsfähigkeit. Die Schweizer Armee muss jetzt rasch lernen, kognitive Bedrohungen zu erkennen, muss robuste Verteidigungssysteme im Informationsraum aufbauen und eigene Fähigkeiten weiterentwickeln. Vorab sind der Aufbau eines nationalen Narrativs («geistige Landesverteidigung»), Medien- und Informationskompetenz sowie gesellschaftliche Resilienz entscheidend – nicht nur für die Armee, sondern für die gesamte Gesellschaft.

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