«In der Schweiz herrscht teils noch ein falsches Sicherheitsgefühl»
Ende Jahr tritt Korpskommandant Thomas Süssli als Chef der Armee zurück. Er ist in einer Zeit von Krisen und Krieg in Europa an deren Spitze gestanden. Diese haben auch bei der Schweizer Armee für einen Umbruch gesorgt. Heute verfüge sie über alle Grundlagen, die es für die nächste Phase brauche.
Interview von Christian Brändli mit CdA KKdt Thomas Süssli
Dieses Bild von der Internierung der Bourbaki-Armee 1871, das in seinem Büro im Bundeshaus Ost hängt, hat KKdt Thomas Süssli von seinem Vorgänger übernommen – und wird es seinem Nachfolger überlassen.
Bild: Christian Brändli

Herr Korpskommandant, in welchem Zustand übergeben Sie die Schweizer Armee Ihrem Nachfolger?
Thomas Süssli: Seit der Ausrichtung auf die wahrscheinlichsten Einsätze im Jahr 2004 hat die Armee alle Einsätze zur vollen Zufriedenheit der Auftraggeber erfüllt. Und das ist auch heute noch so. Zudem hat sie bewiesen, dass sie ihre Verteidigungsfähigkeit als zentrale Kompetenz erhalten konnte. Die Armee ist also genau das, was zuerst mit der Armee XXI und dann der Weiterentwicklung der Armee ab 2018 gewollt war. Doch mit dem Abschluss der WEA 2022 und dem Beginn des Ukrainekriegs wurde klar: die Armee genügt diesen neuen Anforderungen nicht. Sie ist zu wenig auf echte Verteidigung ausgerichtet. Mit dem «Schwarzen Buch» haben wir begonnen, sie wieder konsequent auf Verteidigung auszurichten. Das gilt es nun weiterzuführen.
Wieso wurde erst so spät reagiert? Schon in den 2010er Jahren war zu spüren, dass es in Europa brodelt. Hat die Politik verschlafen?
Die Armee untersteht der politischen Kontrolle und richtet sich entsprechend immer nach dem Sicherheitspolitischen Bericht. Der letzte erschien 2021 – also vor dem Ukrainekrieg. Der Angriff vom 24. Februar 2022 führte zu einem Zusatzbericht, der als Grundlage für das «Schwarze Buch» diente. Schon die Annexion der Krim 2014 war ein erstes Warnsignal. In der Schweiz und in Europa hat man das volle Ausmass dieser Entwicklungen aber damals wohl unterschätzt.
«Die zerstörerische Wirkung von FPV-Drohnen, die wir aktuell sehen, war damals noch nicht in diesem Ausmass erkennbar.»
KKdt Thomas Süssli
Inwiefern ist der Ukraine-Krieg bereits in das «Schwarze Buch» eingeflossen?
Das «Schwarze Buch» erschien rund eineinhalb Jahre nach Kriegsbeginn. Viele Elemente der neuen Kriegsführung sind bereits eingeflossen. Anfangs war dort der Jagdkampf zentral, dann – mit der ukrainischen Offensive 2023 – traten die mechanisierten Elemente stärker hervor. Die zerstörerische Wirkung von FPV-Drohnen, die wir aktuell sehen, war damals noch nicht in diesem Ausmass erkennbar.
Wann wird die Schweizer Armee eine eigene Drohnentruppe haben?
Die «Task Force Drohne» macht gute Fortschritte. Es geht dabei auch um die Entwicklung eines Systems für eigene Angriffsdrohnen. Wir entwickeln keine eigenen Drohnen-Systeme, sondern beziehen sie von Schweizer Start-ups und Hochschulen. Dazu gehören zudem Verträge mit der Industrie, auch um gewisse Teile zu bevorraten, und die Entwicklung eigener Wirkelemente in der Schweiz. Ziel ist, dass solche Systeme ab 2027 eingeführt werden. Es wird auch darum gehen, mit der Truppe die Einsatzverfahren auszuarbeiten.
«Der aktuelle Ansatz ist, Drohnen als Zusatzausbildung in die bestehenden Verbände zu integrieren.»
KKdt Thomas Süssli
Wie muss man sich das organisatorisch vorstellen? Werden die Drohnenspezialisten in die Kompanien integriert? Oder gibt es in den Bataillonen eigene Drohnen-Kompanien?
Das ist noch nicht ganz klar. Der aktuelle Ansatz ist, Drohnen als Zusatzausbildung in die bestehenden Verbände zu integrieren. Etwa als Zusatzfunktion, ähnlich wie zum Beispiel bei der Infanterie der Maschinengewehrspezialist. Auch die Drohnenabwehr – derzeit eine der grössten Herausforderungen für alle Streitkräfte – wird eine wichtige Rolle spielen. Die Taskforce prüft hier verschiedene Technologien. Angesichts der Entwicklung in der Ukraine muss wohl auch hierzulande künftig jeder Soldat selbst in der Lage sein, Drohnen abzuwehren. Es läuft auf eine Art Drohnenabwehr aller Waffen hinaus.
Im «Schwarzen Buch» ist von schweren, mittleren und leichten Kräften die Rede. Was heisst das?
Die Grundlage dafür ist das Dokument «Zukunft der Bodentruppen» von 2019. Dieses Konzept bleibt robust. Das neue Element darin sind leichte Kräfte, Infanterieeinheiten, die regional organisiert und in der Bevölkerung sichtbar sind. Sie sollen früh Signale gegnerischer Aktivitäten erkennen und auf hybride Bedrohungen reagieren können. Die mittleren Kräfte bildet unsere heutige Infanterie, künftig etwas schwerer ausgerüstet. Die schweren Kräfte entsprechen dem heutigen Heer. Dieses Konzept ist mit den Erfahrungen aus der Ukraine kompatibel.
Ist es denkbar, dass die leichten Kräfte sich beispielsweise aus Soldaten in einer Zweitverwendung zusammensetzen? So wie das früher mit dem Auszug und dann dem Wechsel in die Landwehr der Fall war?
Durchaus. Allerdings würde ich den Begriff Landwehr nicht mehr verwenden. Es ist denkbar, dass sich auch ehemalige Dienstpflichtige freiwillig einteilen lassen können. Die leichten Kräfte unter der Führung der Territorialdivisionen werden regional organisiert sein. Ein Beispiel aus dem Ausland ist die Estonian Defence League. Sie ist eine Art Miliz aus Freiwilligen, die in ihrer Freizeit trainieren, um im Ernstfall etwa kritische Infrastruktur im Inland zu verteidigen und die Armee zu unterstützen. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob und wie das Konzept weiterentwickelt wird.
Die in der Weiterentwicklung der Armee angepeilte vollständige Ausrüstung konnte nicht erreicht werden. Wie ist da die Politik gefordert?
Die WEA hatte vier Säulen: Erhöhung der Bereitschaft, Verbesserung der Ausbildung, Stärkung der regionalen Verankerung und die vollständige Ausrüstung. Die ersten drei Ziele wurden erreicht: die Mobilmachung wurde wieder eingeführt, die Territorialdivisionen sind fest verankert und die Ausbildung wurde verbessert und angepasst. Die vollständige Ausrüstung ist bis heute ein Schwachpunkt. Doch die Politik ist bereit, mehr zu investieren: 4 Milliarden zusätzlicher Zahlungsrahmen, neue Verpflichtungskredite für weitreichende Bodenmittel und 530 Millionen zusätzliche Mittel Ende Jahr. Nun liegt es an Bundesrat und Parlament, ob und wie die Armee weiter finanziell gestärkt wird.
Wer trägt die Verantwortung, wenn die nötigen Mittel nicht bereitgestellt werden?
Die Verantwortung für die Armee liegt immer bei der Politik. Die neue sicherheitspolitische Strategie, die voraussichtlich 2026 publiziert wird, und die fähigkeitsbasierte Armeebotschaft 2028 werden die Grundlage für die Weiterentwicklung der Armee bilden. Entscheidend bleibt, dass die finanziellen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden.
Die Armeebotschaft 2022 hat drei grosse Schwerpunkte definiert: die Erneuerung des Luftraumschutzes, die Modernisierung der Bodentruppen und die Stärkung der Cyberabwehr. Wo stehen wir heute in diesen Bereichen?
Beim Luftraumschutz sind zwei zentrale Pfeiler gesetzt: Die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge und die Wiedereinführung der bodengestützten Luftverteidigung. Verzögerungen aus den USA bei Lieferungen von Patriot und die Diskussionen rund um den F-35 erschweren aber die Planungssicherheit, die wir eigentlich brauchen.
Im Cyberbereich haben wir mit dem Kommando Cyber grosse Fortschritte erzielt. Bei den Bodentruppen wurden neue Artilleriesysteme beschlossen und die Lebensdauer des Leopard verlängert. Damit sind wir bis in die 2030er Jahre gut aufgestellt. Beim Leopard stellt sich die Frage, ob das System auch noch über die 30er-Jahre hinaus von der Industrie getragen wird. Wir müssen rechtzeitig über einen Ersatz nachdenken.
Kommt es bei der Lieferung der bestellten Patriot-Systeme aus den USA zu weiteren Verzögerungen: Wäre ein Ersatz, beispielsweise durch die Beschaffung von zusätzlichen Iris-T SLM von Diehl Defence möglich?
Die Luftverteidigung basiert auf drei Ebenen: kurze, mittlere und grosse Reichweite. Nur Systeme grosser Reichweite wie Patriot können ballistische Lenkwaffen abfangen. Bei weiteren Verzögerungen prüfen wir Alternativen, wie wir diese Lücke schliessen könnten. Aber es ist nicht einfach. Schon bei der Evaluation gab es nur einen Konkurrenten, der gegen Patriot klar im Nachteil war. Die Iris-T SLM, die wir ebenfalls beschaffen, ist auf die mittlere Reichweite ausgelegt.
«Wir haben unsere Beschaffungsprozesse beschleunigt. Heute sind wir pragmatischer.»
KKdt Thomas Süssli
Das Umfeld der Beschaffungsprozesse hat sich verändert. Polen kauft massiv ein, mischt Systeme, kauft auch ältere Typen – Hauptsache, sie haben es. Ein Vorbild für die Schweiz?
Ja, das Umfeld hat sich grundlegend verändert. Wir haben unsere Beschaffungsprozesse beschleunigt. Heute sind wir pragmatischer: Rahmenverträge sichern uns aktuelle Versionen, Entscheidungskompetenzen wurden nach unten delegiert. Bei grossen Beschaffungen bleibt der politische Prozess zentral, doch auch hier wurden Abläufe verkürzt. Wir vertrauen stärker auf bereits im Ausland erprobte Systeme und verzichten auf sogenannte «Helvetisierungen» – das spart Zeit und Risiko.
Wird diskutiert, ob die Luftwaffe künftig mehrere Flugzeugtypen betreiben soll?
Eine Arbeitsgruppe überarbeitet derzeit den Bericht «Luftverteidigung der Zukunft». Voraussichtlich im November werden dem Bundesrat die Grundlagen für eine Entscheidung vorgelegt.
Aus dem Luftraum wieder hinunter auf die Erde, zu den Menschen: Sie haben bei Amtsantritt betont, dass Sie eine Kultur schaffen wollen, die Fehler zulässt. Wie weit ist die Armee in diesem Kulturwandel?
Zuerst einmal: Das, was in dieser Zeit gelungen ist, verdanken wir nicht nur mir oder der Armeeführung, sondern unzähligen individuellen Leistungsträgerinnen und Leistungsträgern, die Verantwortung übernommen haben. Das Thema Fehlerkultur war mir von Anfang an wichtig. Wenn etwas schieflief, habe ich Verantwortung übernommen und viele andere tun es ebenso. Heute pflegen wir intern einen offenen Austausch. Ich bin überzeugt, dass wir da auf dem richtigen Weg sind.
Ist die Menschenführung anspruchsvoller geworden?
Nicht anspruchsvoller, aber anders. Die heutige Generation will Sinn, Information und Teilhabe. Das ist gut, denn auch unsere jungen Kader stammen aus dieser Generation. Führung bedeutet heute, mehr über das «Warum» zu sprechen – das ist gut und fördert Motivation und Verständnis.
Warum gibt es dennoch Fälle von Fehlverhalten, bei der Miliz wie auch beim Berufskorps?
Es gibt Nulltoleranz bei Diskriminierung, Rassismus und sexualisierter Gewalt. Unsere Führungsausbildung folgt den fünf V: Vorbild, Vision, Verständnis, Vertrauen und Verantwortung. In der Armee geht es am Ende darum, einen Auftrag unter schwierigen Bedingungen oder sogar unter Einsatz des Lebens zu erfüllen. Das ist knallhart. Aber auch im härtesten Umfeld soll die Tonalität respekt- und würdevoll bleiben.
Letztens wurde der Fall einer Kompaniekommandantin publik, welche ihre Soldaten bei der Brevetierung schlagen liess. Es gab Verletzte. Sie ist trotz Verurteilung immer noch im Dienst. Warum?
Auch Führungskräfte machen Fehler – entscheidend ist, ob jemand einsichtig ist und daraus lernt. Schwere Vergehen werden geahndet. Wer jedoch aus Fehlern lernt, sein Verhalten anpasst und Verantwortung übernimmt, findet in einer Vertrauenskultur Platz. Wer wiederholt oder schwer gegen unsere Grundsätze verstösst, nicht.
«Wir befinden uns in einem hybriden Konflikt.»
KKdt Thomas Süssli
In den letzten Wochen drangen verschiedentlich russische Drohnen und Flugzeuge in den NATO-Raum. Stehen auch wir bereits mitten in einem Krieg?
Wir befinden uns in einem hybriden Konflikt. Das zeigen auch Einschätzungen europäischer Partner. Der Direktor des Nachrichtendienstes des Bundes sagt klar, dass auch die Schweiz in einem hybriden Konflikt steht. Um solchen Bedrohungen zu begegnen, braucht es ein gesamtheitliches Sicherheitssystem – zivile, zivilmilitärische und militärische Instrumente. Die Armee ist dabei die letzte Reserve. Nach ihr kommt nichts mehr.
Wie bewusst ist dies den Menschen in der Schweiz?
Im Ausland ist die Bedrohungslage klarer erkannt. Am Warsaw Security Forum 2025 vor wenigen Wochen war die Frage nicht, ob Russland eine Bedrohung darstellt, sondern wie man darauf reagiert. Das Motto lautete bezeichnenderweise: «Divided, we fall». Wenn wir uns von Russland spalten lassen, verlieren wir.
In der Schweiz herrscht teils noch ein falsches Sicherheitsgefühl. Die Dringlichkeit wird weder in der Bevölkerung noch überall in der Politik genügend verstanden. Wir müssen sie deutlich kommunizieren und konsequent handeln.
«Die Bedrohung durch Desinformation, Spionage und Sabotage wächst.»
KKdt Thomas Süssli
In Schweden gibt es im Rahmen der sogenannten «kognitiven Kriegsführung» ein Informationsprogramm für die Bevölkerung – eine moderne Form der geistigen Landesverteidigung. Es gibt ein Booklet, das erklärt, wie man sich vor Desinformation, Manipulation und psychologischer Beeinflussung schützen kann. Warum nicht in der Schweiz?
Die Bedrohung durch Desinformation, Spionage und Sabotage wächst – auch hierzulande. Im Ausland spricht man von über 60 dokumentierten Fällen. Mittels «Probing» wird getestet, wie weit man gehen kann, ohne eine direkte Reaktion zu provozieren. Die Sensibilisierung der Bevölkerung ist nicht Aufgabe der Armee. Unsere Aufgabe ist es, uns auf jene Bedrohungen vorzubereiten, die uns direkt betreffen.
Sie haben als Chef der Armee eine turbulente Zeit erlebt.
Tatsächlich war die Welt im Spätherbst 2019 eine andere. Dann kam Covid und die Armee erfüllte ihren Auftrag hervorragend. Das war nicht selbstverständlich, hat der Miliz aber Selbstvertrauen geschaffen. Kaum war der letzte Covid-Einsatz beendet, begann der Ukraine-Krieg. Wir mussten rasch reagieren. Daraus entstand das «Schwarze Buch», das die Neuausrichtung auf Verteidigungsfähigkeit einleitete.
Gleichzeitig haben wir mit dem Projekt DIMILAR die Miliz umfassend digitalisiert. Ab dem 1. Juni nächsten Jahres wird das Dienstbüchlein vollständig digital sein. Bereits heute laufen zum Beispiel Dienstplanung, Urlaubsgesuche und Ausbildungsgutschriften über digitale Systeme. Diese Umstellung verändert auch die Verwaltungskultur.
Heute haben wir alle Grundlagen, die es für die nächste Phase braucht: Das «Schwarze Buch», eine Digitalisierungsstrategie, strategische Grundlagenberichte und interne Strategien, die bis in die 2030er Jahre reichen. Nun kann in Ruhe eine neue Lagebeurteilung gemacht und der Kurs dann bei Bedarf geändert werden
Ein neuer Kapitän tritt jetzt ans Steuer. Was heisst das für das «Schiff» Armee?
Ein neuer Kapitän prüft zuerst das Wetter, bevor er den Kurs anpasst. Das Ziel bleibt und die Segel sind gesetzt. Natürlich gab es Stürme – etwa unbegründete Medienberichte über Finanzlöcher –, doch die Armee hat sie überstanden. Es gab schwierige Projekte, ja. Diese wird es immer geben. Aber von sieben kritisierten Vorhaben sind heute vier abgeschlossen oder in Produktion.
Haben Sie Tipps an Ihren Nachfolger, Benedikt Roos?
Mein Nachfolger braucht keine Tipps von mir. Er hat die letzten Jahre eng miterlebt, die Herausforderungen gesehen und daraus gelernt, seine Schlüsse gezogen. Ich bin überzeugt, er wird den Kurs halten.
Und wie geht es für Sie persönlich nach dem 31. Dezember 2025 weiter?
In der Armee gilt: Wer geht, geht. Ich halte mich daran. Meine Leidenschaft für Sicherheit und dieses Land bleibt, vielleicht ergibt sich später eine neue Aufgabe. Zuerst gilt aber volle Konzentration bis zur letzten Minute – bis 23.59 Uhr am 31. Dezember. Danach möchte ich mir Zeit nehmen, die grossen Start-up-Ökosysteme der Welt kennenzulernen und zu verstehen, wie neue Technologien in Wirtschaftssysteme integriert werden. Aber das ist Zukunftsmusik. Entscheidend ist das Jetzt.

