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Multispektrale Tarnsysteme bieten Schutz im veränderten Umfeld

Die Schweizer Armee muss ihre Überlebensfähigkeit an die rasante Entwicklung der Aufklärungssensoren anpassen. Armasuisse beschafft daher multispektrale Tarnsysteme. 

Was im visuellen Spektrum für das menschliche Auge kaum erkennbar ist, wird für moderne Aufklärungssensoren sofort sichtbar. Je nach Sensortyp erfassen diese eine Szene in unterschiedlichen Spektralbereichen: visueller Bereich, nahes Infrarot (Nachtsichtbereich), kurzwelliger und thermischer Infrarotbereich oder Radarbereich. Moderne Aufklärungssysteme erkennen durch gesteigerte Leistungsfähigkeiten die Ziele heute schneller und auf grössere Distanzen. Zudem arbeiten aktuelle Aufklärungssysteme oftmals in mehreren Spektralbereichen gleichzeitig.  

Die Schweizer Armee steht somit vor der Herausforderung, ihre Schutz- und Überlebensfähigkeit an ein sich wandelndes Umfeld und an die Entwicklung bei den Aufklärungssensoren anzupassen. Was früher mit einfachen Tarnmassnahmen verborgen blieb, wird heute durch moderne Wärmebild-, Nachtsichtgeräte und Radarsensoren sichtbar. Diese Entwicklung betrifft unmittelbar den Schutz von Angehörigen der Armee, Material und Infrastruktur. Vor diesem Hintergrund gewinnen multispektrale Tarnsysteme (MSTS) eine zentrale Bedeutung. Das Bundesamt für Rüstung Armasuisse beschafft diese Systeme im Auftrag der Schweizer Armee. Ziel ist es, die bestehenden Tarnfähigkeiten zu ergänzen und weiterzuentwickeln.

Vom klassischen Tarnmittel zur multispektralen Wirkung

Klassische Tarnmittel sind primär auf die visuelle Aufklärung ausgerichtet. Durch Tarnmassnahmen werden Konturen gebrochen und Kontraste reduziert, somit integrieren sich die getarnten Objekte besser in der Umgebung. Die Entdeckung und Erkennung von Personen, Fahrzeugen oder Infrastrukturen mit dem blossen Auge oder durch Sensoren im sichtbaren Bereich werden so erschwert. Diese Massnahmen bleiben auch heute zentral, müssen aber durch Tarnmassnahmen in den übrigen Spektralbereichen erweitert werden.

Unterschiedliche Signaturreduktionen durch multispektrale Tarnsysteme.
Grafik: VBS

Unterschiedliche Signaturreduktionen durch multispektrale Tarnsysteme. (Grafik: VBS)

Multispektrale Tarnsysteme setzen genau hier an. Sie reduzieren mehrere Signaturen gleichzeitig: die visuelle, die infrarote und die radarbasierte Signatur. MSTS leistet somit in verschiedenen Wirkungsbereichen einen wesentlichen Beitrag zur Tarnung und Täuschung. Neu ist dabei nicht nur die technische Ausgestaltung einzelner Systeme, sondern vor allem der integrierte Wirkungsansatz. Die Tarnwirkung wird nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit einem vernetzten und sensorintensiven Aufklärungsumfeld betrachtet.

Anpassungsfähigkeit statt Einheitslösung

Während multispektrale Tarnsysteme in anderen Ländern bereits erprobt oder teilweise im Einsatz sind, verfolgt die Schweiz mit MSTS einen differenzierten Ansatz. Nicht jedes Einsatzszenario stellt die gleichen Anforderungen an Tarnung und Täuschung. Gelände, Klima, Bedrohungsbild und Auftrag unterscheiden sich erheblich. Geschützt werden müssen stationäre Infrastruktur wie auch die bewegliche Truppe im Gelände. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die Schweizer Landschaft dar. Vier ausgeprägte Jahreszeiten und stark unterschiedliche Einsatzräume – von urban geprägten Gebieten bis zu ländlichem und alpinem Gelände – erschweren die Tarnung.

Die Tarnsysteme für Fahrzeuge wurden unter realen Bedingungen getestet. (Bild: VBS)

Die Tarnsysteme müssen deshalb unter unterschiedlichen Bedingungen eine hohe Leistungsfähigkeit aufweisen. Mit der Wahl der entsprechenden Konfiguration wird zudem die beste Wirkung je nach Jahreszeit und Umgebung erreicht. MSTS trägt dieser Vielfalt Rechnung, indem nicht eine Einheitslösung, sondern mehrere spezialisierte Systeme beschafft werden. Je nach Einsatzkonzept und System wird die jeweils geeignetste Lösung zugeteilt und ausgerüstet. So wird sichergestellt, dass die Einsatzfähigkeit in jeder Ausführung hoch bleibt. Diese Modularität erhöht die Flexibilität und ermöglicht es, Tarnwirkung gezielt dort einzusetzen, wo sie operativ den grössten Nutzen bringt.

Strukturierte Vergabe und Auswahlverfahren

Das Bundesamt für Rüstung Armasuisse teilte die Beschaffung von MSTS in 14 Lose. Jedes Los deckt einen klar definierten Wirkungsbereich oder eine Anwendungskategorie ab. Dieser Ansatz ermöglicht es, gezielt jene Tarnsysteme zu beschaffen, die für die jeweiligen Einsatzanforderungen den grössten Mehrwert bieten.

Die Tarnsysteme für Fahrzeuge wurden unter realen Bedingungen getestet. (Bild: VBS)

Im Rahmen eines Einladungsverfahrens wurden zunächst mehrere Lieferanten geprüft und für die Teilnahme an der Beschaffung ausgewählt. Nach einer ersten Bewertung qualifizierten sich daraus drei Anbieter für die nächste Phase. Diese erhielten die Möglichkeit, ihre Systeme im Rahmen der weiteren Erprobungen zu präsentieren.

Erprobung unter realistischen Bedingungen

Ein zentrales Element des Beschaffungsvorhabens ist die konsequente Ausrichtung auf die Truppentauglichkeit. Multispektrale Tarnsysteme entfalten ihren Nutzen nur dann, wenn sie sich unter realen Einsatzbedingungen bewähren. Sie müssen handhabbar, robust, logistisch tragbar und mit bestehenden Systemen kompatibel sein. Daher hat Armasuisse die multispektralen Tarn- und Täuschsysteme über mehrere Monate hinweg erprobt.

Die multispektralen Tarnsysteme für Fahrzeuge bewährten sich unter realen Einsatzbedingungen auch im schlammigen Gelände. (Bild: VBS)

Im Fokus standen nicht nur messbare technische Leistungsparameter zur Tarnwirksamkeit, sondern auch Fragen der Integration in den militärischen Alltag. Die Systeme wurden unter anderem beim Auf- und Abbau, im Betrieb, unter Witterungseinflüssen und im Zusammenspiel mit bestehendem Material geprüft. Armasuisse leitete diese Erprobungen und stellte sicher, dass die Rückmeldungen der Endnutzer systematisch erfasst wurden und in die Bewertung einflossen. Dazu wurden bei den Erprobungen verschiedene beteiligte Stellen einbezogen wie das Kommando Operationen, die Luftwaffe, das Heer, der Armeestab und die Logistikbasis der Armee.

Auch die multispektrale Wirkung von Zelten, Tarnnetzen und persönlicher Tarnung im ruralen Gebiet wurde erprobt. (Bild: VBS)

Die getesteten Systeme umfassten unter anderem:

Tarnsysteme für Fahrzeuge, bei denen neben der multispektralen Wirkung auch geprüft wurde, wie zuverlässig die Systeme unter realen Betriebsbedingungen am Fahrzeug haften und sich im Einsatz bewähren.

Persönliche Tarnung, mit Fokus auf die Reduktion der visuellen und infraroten Signatur von Soldatinnen und Soldaten.

Zelte, Unterstände, Feuerpositionen und Hangars in unterschiedlichen Grössen und Ausführungen – von Einpersonenzelten über grössere Zelte bis hin zu Hangars.

Tarnnetze für Personen, Fahrzeuge und Zelte. Insbesondere für kurzfristige, temporäre oder stationäre Einsätze.

Attrappen / Decoys, innert weniger Minuten aufblasbare Nachbildungen von Echtsystemen zur Täuschung gegnerischer Aufklärungsmittel.

Europäische Zusammenarbeit und nationale Wertschöpfung

Nach Abschluss der Erprobungsphase erhielten drei europäische Anbieter den Zuschlag, darunter auch ein Schweizer Unternehmen. Die ausgewählten Lieferanten sind jeweils auf bestimmte Wirkungsbereiche spezialisiert. Diese gezielte Auswahl ermöglicht eine bedarfsgerechte Beschaffung und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Systeme auf unterschiedliche Technologien zurückgreifen können.

Die Zuschlagsvergabe erfolgte im Einklang mit der rüstungspolitischen Strategie des Bundesrates. Der Zuschlag für die multispektralen Tarnsysteme zugunsten eines Schweizer Lieferanten und zweier europäischer Lieferanten trägt in zweifacher Hinsicht zur Umsetzung dieser Strategie bei. Einerseits sieht die Strategie die Stärkung der heimischen sicherheitsrelevanten Technologie- und Industriebasis durch vermehrte Inlandsbeschaffungen vor, damit die Schweiz auch künftig über sicherheitsrelevante Schlüsseltechnologien und industrielle Kernfähigkeiten und Kapazitäten verfügt. Andererseits sollen mehr Beschaffungen bei den Nachbar- und weiteren europäischen Staaten getätigt werden. Mittels dieser Beschaffungen sollen die Interoperabilität der Schweizer Armee mit den Streitkräften von Partnerstaaten erhöht und die Lieferkettensicherheit im Falle einer Krise oder eines bewaffneten Angriffs gestärkt werden.

Neben der militärischen Leistungsfähigkeit flossen damit auch rüstungspolitische Überlegungen in den Entscheid ein. Für die Schweizer Armee bedeutet die Beschaffung von MSTS somit nicht nur einen technologischen Fortschritt, sondern auch eine nachhaltige Verankerung im rüstungspolitischen Gesamtkontext.

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