AktuellInternationale NachrichtenLuftwaffe

Raketen-Arithmetik: Drohnenabwehr 2.0

Die iranische Antwort auf US-israelische Luftschläge erfolgte prompt – und in der Breite: Massive Drohnen- und Raketenangriffe im Golf und im Mittelmeer fordern die Luftverteidigung heraus. Wie in der Ukraine zeigt sich, dass Sättigungsangriffe Munitionslogistik und Führungsfähigkeit rasch an ihre Grenzen führen und Verteidiger in eine Kosten-Nutzen-Falle zwingen.

Dass selbst modernste Schutzschirme nicht lückenlos sind, offenbarte sich Anfang März 2026, als das U.S. Central Command die ersten US-Todesopfer im Zusammenhang mit der Operation «Epic Fury» bestätigen musste: Ein Drohnenangriff auf den Hafen Shuaiba in Kuwait tötete sieben amerikanische Soldaten; Dutzende weitere wurden verletzt. Bei anderen präzisen Drohnenangriffen wurden zwei wertvolle und seltene Hochleistungsradare für das THAAD-System getroffen. Dies zum grossen Erstaunen vieler Fachleute, die sich angesichts der Abwesenheit jeglicher Nahbereichsabwehr (SHORAD) zum Schutz dieser Stellungen die Augen rieben.

Ein weiterer exemplarischer Zwischenfall betraf zudem das EU-Land Zypern. Eine Shahed-Drohne traf die britische Luftwaffenbasis RAF Akrotiri im Südwesten der Insel; als mutmasslicher Akteur wird die Hisbollah genannt. Der Vorfall war nicht überraschend, sondern konsequent und dient als Lehrstück über Nahverteidigung im 21. Jahrhundert: Schonungslos wurden sowohl die Abwesenheit jeglicher bodengestützter Abwehr als auch die Lücken in der bodengebundenen Frühwarnkette sowie in der schnellen, vernetzten Zielzuweisung aufgezeigt und gleichzeitig iranische Fähigkeiten demonstriert, punktgenau Ziele zu treffen.

Ausgerechnet die Ukraine gilt inzwischen als Referenzraum für den Umgang mit Shahed-Wellen, weshalb die USA und ihre Partnerstaaten – wenn auch reichlich spät – ukrainische Expertise nachfragten, ein Prestigeerfolg für Kiew. Der Krieg in der Ukraine und nun jener in der Golfregion markieren damit nicht nur eine Zäsur in der Luftkriegsführung, sondern auch eine Verschiebung der Ökonomie des Luftkriegs: Während das ausgehende 20. Jahrhundert von der Dominanz hochkomplexer, kostspieliger Plattformen geprägt war, die nur wenigen Luftstreitkräften vorbehalten waren, erleben wir heute die «Demokratisierung der Präzision» durch billige und zahlreich verfügbare Wirkmittel, die auch als «One-Way-Attack-Drones» oder Kamikaze-Drohnen bezeichnet werden. Als Symbol dafür dienen die Shahed-136-Drohnen und ihre russischen Abwandlungen, die jeder Verteidigung eine neue, ungemütliche Kostenrechnung vor Augen führen.

«Mit Goldbarren auf Hornissenschwärme»

Die eigentliche Lehre ist damit nicht, dass der Westen plötzlich wehrlos wäre – sondern dass sich die Rechenaufgabe der Luftverteidigung verschoben hat. Diese 50’000-Dollar-Drohnen zwingen die Verteidiger in einen Abnützungskampf, der nicht primär durch technische Überlegenheit, sondern durch Taktik, Masse und Kosten entschieden wird. Wer auf ein billiges Wirksystem mit einem knappen, teuren Effektor – boden- wie luftgestützt – antwortet, mag einzelne Angriffe abwehren, verliert über die Zeit aber an Durchhaltefähigkeit. So sollen beispielsweise die Luftabwehreinheiten der vom Iran beschossenen Golfstaaten innerhalb der ersten zwei Tage schätzungsweise gegen 800 Patriot-Abfangraketen abgefeuert haben, was die Jahresproduktion der PAC-3-MSE deutlich übersteigt – also jener Abfangrakete, die insbesondere in der Rolle der Ballistic Missile Defense (BMD) zum Einsatz kommt. Laut dem emiratischen Verteidigungsministerium wurden allein gegen die Vereinigten Arabischen Emirate bis zum 3. März, dem vierten Tag des Konflikts, 186 ballistische Raketen und 812 Drohnen gestartet. Davon konnten 172 Raketen und 755 Drohnen abgefangen werden, letztere sowohl durch Jagdflugzeuge als auch durch Patriot-Systeme. Auch die zahlungskräftigen Golfstaaten werden sich früher oder später an Ciceros Aussage «Geld ist der Nerv des Krieges» erinnern müssen.

Diese Grössenordnung verdeutlicht den strukturellen Engpass, der trotz Bemühungen, die Produktion signifikant hochzufahren, nicht umgehend behoben werden kann. Analysiert man zudem das Vorgehen im Verteidigungsmodus, so werden standardmässig zwei Raketen pro Ziel abgefeuert, um das Risiko zu minimieren, da die Zeit für Gegenmassnahmen sehr kurz ist. Um beispielsweise in der Ukraine eine effektive BMD aufrechterhalten zu können, werden mindestens 60 PAC-3-MSE pro Monat benötigt, um die gefährlichsten Angriffe auf die Infrastruktur abwehren zu können. Diese Zahlen orientieren sich an der monatlichen Produktionsrate russischer ballistischer Raketen, die gemäss ukrainischen Geheimdienstangaben bei etwa 70 bis 85 ballistischen und hyperschallfähigen Raketen pro Monat liegt. Damit könnten allerdings nur die kritischsten 50 Prozent der anfliegenden ballistischen Raketen bekämpft werden, was eine Priorisierung der zu verteidigenden Bevölkerungszentren und Infrastruktur erfordert, denn «wer alles verteidigt, verteidigt nichts», wie es schon Friedrich der Grosse zu sagen pflegte.

Die Zahl 60 gilt daher als absolute Untergrenze für den ukrainischen Überlebensmodus, liegt aber gleichwohl über dem gesamten monatlichen Ausstoss an PAC-3-MSE-Raketen (Stand 2026). Bei einem aktuellen Stückpreis von 4,97 Mio. US-Dollar belaufen sich die Kosten für diesen Minimalbedarf auf rund 300 Mio. USD pro Monat – nur für diese eine Munitionsart, wobei wir wieder bei Cicero angelangt wären.

Da die Golfstaaten ebenso wie die Vereinigten Staaten ihre Bestände jedoch schnellstmöglich auffüllen möchten, bedeutet dies auch, dass der Markt für die Ukraine – wie für die Schweiz – kurz- und mittelfristig leergefegt sein dürfte. Die erfolgreiche russische Kampagne gegen die Energieinfrastruktur der Ukraine im vergangenen Winter hängt auch damit zusammen, dass der Nachschub an PAC-3-MSE-Raketen fast zum Erliegen kam respektive die Bestände nach intensiven Kriegsjahren aufgebraucht waren. Die gesamten Vorräte Kiews waren wohl nicht annähernd so gross wie der Umfang der innerhalb weniger Stunden verschossenen Patriot-Lenkwaffen der Golfstaaten und der Vereinigten Staaten. Zum Vergleich: Die Schweiz hat 70 PAC-2 GEM-T und 72 PAC-3 MSE bestellt; der Liefertermin ist ungewiss. Angesichts der Tatsache, dass die Golfstaaten in nur drei Tagen das Sechsfache des gesamten zukünftigen Schweizer Bestandes verschossen haben, wird in Bern derzeit mit der typischen Bedächtigkeit über alternative und ergänzende Systeme nachgedacht. Dass dabei auch über die Erhöhung der Lenkwaffenbestände gesprochen werden müsste, versteht sich aufgrund der jüngsten Erfahrungsberichte von selbst.

Anpassungsfähigkeit der ukrainischen Luftverteidigung

Andererseits hat Kiew nach vier Kriegsjahren gelernt, mit der Bedrohung umzugehen, und setzt beispielsweise seine kostbaren und seltenen Patriot- oder IRIS-T-SLM-Systeme selektiv ein: erstere in der Rolle der BMD, letztere als leistungsstarke Schicht gegen Marschflugkörper und andere Luftziele, während gegen die omnipräsenten Shahed- beziehungsweise Geran-Drohnen zunehmend günstigere Wirkmittel zum Zug kommen. Im Kern geht es darum, das Kosten-Wirkungs-Verhältnis wieder zu den eigenen Gunsten zu drehen: Wie bringt man die Verteidigung in ein Verhältnis, das auch im Dauerbetrieb tragfähig bleibt? Zudem ist eine wirksame Abwehr gegen Bedrohungen aus der Luft vom Typ Shahed das Resultat des wirkungsvollen Zusammenspiels einer äusserst komplexen Kette aus Erfassung, Identifikation, Feuerleitung, Wirkmittel- und Luftraumkoordination – also dessen, was man unter dem Begriff eines integrierten Luftverteidigungssystems zusammenfasst. Genau hier hat die Ukraine notgedrungen Expertise aufgebaut – entlang mehrerer Schichten und Pfeiler. Mittlerweile werden pro Nacht im Schnitt 85 Prozent der von Russland eingesetzten Drohnen, Marschflugkörper und Raketen neutralisiert, ehe diese grösseren Schaden anrichten können.

 «Unter Dauerbeschuss»: Die für die Zivilbevölkerung verfügbaren Echtzeit-Karten verdeutlichen das Ausmass der russischen Luftkampagnen. Die Ukraine nutzt ihre territoriale Ausdehnung gezielt als strategischen Faktor, um mobile Feuergruppen und Abfangdrohnen-Einheiten entlang der identifizierten Anflugkorridore in der Tiefe des Raumes effektiv zu positionieren. (Bild: militarnyi.com)
 «Unter Dauerbeschuss»: Die für die Zivilbevölkerung verfügbaren Echtzeit-Karten verdeutlichen das Ausmass der russischen Luftkampagnen. Die Ukraine nutzt ihre territoriale Ausdehnung gezielt als strategischen Faktor, um mobile Feuergruppen und Abfangdrohnen-Einheiten entlang der identifizierten Anflugkorridore in der Tiefe des Raumes effektiv zu positionieren.
(Bild: militarnyi.com)

Die bemerkenswerte Resilienz der Ukraine hängt auch mit der horizontalen Tiefe ihres Territoriums zusammen. Der Faktor Geografie wird oft unterschätzt: Die Ukraine, flächenmässig etwa 10 Prozent grösser als Frankreich, kann ihre Verteidigung in der Tiefe staffeln und Abfanggruppen weiträumig dislozieren. Kleinere Staaten oder Länder mit Infrastrukturkonzentrationen entlang schmaler Küstenzonen, wie es bei den Golfstaaten der Fall ist, besitzen diesen geografischen Vorteil nicht, was das Zeitfenster für Gegenmassnahmen drastisch verkleinert respektive den Griff zu High-End-Systemen wie Patriot erklärt. Der Ukraine ist es inzwischen gelungen, ein engmaschiges und tiefgestaffeltes Abwehrdispositiv aufzubauen, das über verschiedene, sich ergänzende Komponenten verfügt.

Elektronische Kriegführung: der unsichtbare Schutzwall

Der Kampf im elektromagnetischen Spektrum fand angesichts der Tatsache, dass Flugkörper – respektive deren geringe Stückzahl und hohe Kosten – die Schlagzeilen beherrschten, bislang wenig Beachtung. Zu Unrecht, wie ein Beispiel aus dem letzten Dezember über der Ukraine illustriert: In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 2025 setzte Russland zu einem der bislang grösseren Kombinationsangriffe an: 466 Drohnen vom Typ Shahed/Geran, ergänzt durch 16 Marschflugkörper und 14 Hyperschallraketen vom Typ Kinschal, wurden abgefeuert. Schwerpunkt des Schlages war Odessa, faktisch das letzte grosse maritime Nadelöhr der Ukraine und damit eine strategische Zielscheibe – nicht nur militärisch, sondern auch ökonomisch. Eine Abschussquote von 90 % legte Zeugnis vom hohen Standard der ukrainischen Gegenmassnahmen ab. Gemeldet wurden keine Todesopfer; insbesondere der Angriff mit ballistischen Raketen traf jedoch die Energieinfrastruktur, sodass rund eine Million Menschen ohne Strom waren.

Auffällig ist dabei weniger die Zahl der gemeldeten Abschüsse als das, was zwischen den Zeilen sichtbar wird: Ein erheblicher Teil der Abwehr dürfte über elektronische Kriegführung gelaufen sein. Ukrainische Angaben und Bildmaterial intakter Drohnen deuten darauf hin, dass leistungsfähige bodengebundene EW-Systeme satellitengestützte Navigation gezielt manipulieren («Spoofing»), indem sie den Systemen falsche Parameter – etwa zur Höhe – vorgaukeln und sie damit zum vorzeitigen Einschlag oder zu einer kontrollierten Landung bringen. Der Vorteil ist operativ wie ökonomisch: «Spoofing» kostet im Vergleich zu Flugabwehrlenkwaffen wenig, entlastet knappe Effektoren und ermöglicht es zudem, Drohnen teils nahezu unbeschädigt für die Auswertung zu bergen. Dass russische Shahed- beziehungsweise Geran-Drohnen ihre Höheninformation stark über GPS beziehen und keine robusten Radarhöhenmesser nutzen, macht sie hierfür besonders anfällig. Diese Mängel wurden mittlerweile erkannt, und in den letzten Monaten wurden bedeutende technische Anpassungen vorgenommen, um die ukrainischen Gegenmassnahmen zu unterlaufen – ein Katz-und-Maus-Spiel, das täglich seine Fortsetzung findet: resistentere Antennen mit erhöhter Störfestigkeit, KI-gestützte Bildnavigation und Lasersensoren für den Endanflug – nicht selten kommen dabei Dual-Use-Komponenten aus dem Westen und der Schweiz zur Anwendung. Zudem kommt bei der Geran-5 die Geschwindigkeit als «Schutzfaktor» hinzu: Künftig wird dieser Drohnentyp über einen Turbojet-Antrieb verfügen, der die Reaktionszeiten für EW und Flugabwehr stark verkürzen wird. Gleichzeitig verteuern diese Updates wiederum diesen Drohnentyp, was auch ein Ziel jeglicher Abwehrmassnahmen sein sollte, den Angreifer ebenfalls in ein Kosten-Nutzen-Falle zu zwingen.

Gerade in dicht besiedelten Räumen sind die «Soft-Kill»-Methoden Spoofing und Jamming, die grossflächig wirken, jedoch ein zweischneidiges Schwert, weil beispielsweise breit genutzte zivile Frequenzen und Mobilfunknetze massiv beeinträchtigt werden können.

Der neue Trend: Abfangdrohnen

Die Expertise der Ukraine ist momentan insbesondere im Bereich der Abfangdrohnen gefragt, deren Produktion stark hochgefahren wurde. Diese «Hard-Kill»-Fähigkeit etabliert sich als eigene Säule der Luftverteidigung. Für die Anti-Shahed-Rolle lagen die Lieferzahlen im Januar 2026 bei rund 1›500 Abfangdrohnen pro Tag, Tendenz stark steigend. Ökonomisch dreht dies erstmals die Kostenlogik: Abfangdrohnen (700 bis 12000 USD) ersetzen millionenteure Lenkwaffen und sind nun günstiger als die zu bekämpfenden Ziele. Im Februar 2026 flogen diese Systeme rund 6›300 Missionen und zerstörten über 1500 russische Drohnen. Im Raum Kiew wurden zeitweise 70 % der Shaheds durch diese Abfangdrohnen neutralisiert, wie es jüngst General Syrskyj zu Protokoll gab.

«Abfangdrohnen-Ökosystem»: Durch den immensen Innovations- und Adaptionsdruck des Verteidigungskrieges entwickeln ukrainische Start-ups eine Vielfalt spezialisierter Abfangdrohnen, deren einsatzerprobte Technologie nun auch in der Golfregion massgeblich nachgefragt ist, dies angeblich schon erfolgreich. Bild: www.hisutton.com
«Abfangdrohnen-Ökosystem»: Durch den immensen Innovations- und Adaptionsdruck des Verteidigungskrieges entwickeln ukrainische Start-ups eine Vielfalt spezialisierter Abfangdrohnen, deren einsatzerprobte Technologie nun auch in der Golfregion massgeblich nachgefragt ist, dies angeblich schon erfolgreich.
(Bild: www.hisutton.com)

Nicht nur die Produktion dieser Abfangdrohnen lässt sich leicht skalieren; dasselbe trifft auch auf das Ausbildungskonzept der Bediener zu. In Schulen wie dem 413. Regiment «RAID» wird Personal in nur vier Wochen so geschult, dass eine Erfolgsquote von 50 Prozent erreicht wird – die Ausbildung einiger weniger Operateure und Spezialisten am Patriot-System dauert hingegen mehrere Monate, ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Operativ deckt eine klassisch damit ausgerüstete Abfanggruppe in Verbindung mit digitalen Lagebildsystemen ein Gebiet von etwa 40 Quadratkilometern ab. Zur weiteren Skalierung sind bis Ende 2026 zudem zahlreiche Joint-Venture-Fabriken in Europa vorgesehen, um Lieferketten zu sichern.

Kampfhubschrauber in neuer Rolle

Angesichts der hohen Verluste von Kampfhubschraubern im Ukraine-Krieg – die russische Seite büsste einen Fünftel der rund 400 vor dem Krieg verfügbaren Maschinen ein – führte dies zu einem Umdenken über deren Rolle und Überlebensfähigkeit im frontnahen Raum. In der Drohnenabwehr bekommen Kampfhubschrauber eine neue, eher defensive Rolle: weniger «tip of the spear» wie bisher, mehr mobile, bewaffnete Sensor-/Effektorplattformen zur Jagd auf tieffliegende oder bewusst hoch geführte OWA-UAV (Shahed/Geran), die die bodengebundene Abwehr zu teurer Munition zwingen sollen. Gemäss Beobachtungen zählen Kampf- und zunehmend auch bewaffnete Transporthubschrauber, auch gegen höher fliegende Geran-2/Gerbera, zu den effizientesten Abwehrmitteln. Die Kombination der vorhandenen Sensorik mit den Bordwaffen (Maschinengewehr/Bordkanone) ermöglicht ebenfalls eine günstige Alternative in der Drohnenbekämpfung – gerade im Vergleich zu Jagdflugzeugen.

Hubschrauber als Drohnenjäger: Wie es die Ukraine demonstriert, können auch angejahrte Muster wie die Mi-8 oder Mi-24 in einer neuen Rolle brillieren. Als mobile Sensor- und Effektorplattformen jagen sie tieffliegende OWA-UAVs und nutzen ihre Bordbewaffnung zur kostengünstigen Neutralisierung, was die wertvollen Raketenbestände der bodengebundenen Systeme schont. (Bild: cdn)
Hubschrauber als Drohnenjäger: Wie es die Ukraine demonstriert, können auch angejahrte Muster wie die Mi-8 oder Mi-24 in einer neuen Rolle brillieren. Als mobile Sensor- und Effektorplattformen jagen sie tieffliegende OWA-UAVs und nutzen ihre Bordbewaffnung zur kostengünstigen Neutralisierung, was die wertvollen Raketenbestände der bodengebundenen Systeme schont. (Bild: cdn)

Ähnliche Erfahrungen haben auch Israel und jüngst die Golfstaaten gemacht, die mit ihren AH-64 «Apache» erfolgreich auf Drohnenjagd gingen. Auch die U.S. Army verstärkt in diesem Bereich die Anstrengungen; die Entwicklung und Erprobung spezialisierter Munition für die 30-mm-Bordkanone ist im Gange. Daneben werden zunehmend auch Konzepte erprobt, die auf Turboprop-Maschinen in der Grössenordnung der Pilatus PC-7/9 basieren. Gut möglich, dass eine Renaissance des propellergetriebenen Jagdflugzeugs bevorsteht.

Der Klassiker: Flugabwehrkanonen

Schliesslich bildet kanonenbasierte Flugabwehr ein bewährtes Instrument gegen diese Ziele. Mobile Flab hat sich in der Ukraine als unterste, aber entscheidende Abwehrschicht gegen Shahed/Geran etabliert, weil sich die Abschussökonomie gegenüber teuren Lenkflugkörpern drastisch verbessert. Systeme wie der Gepard sind dabei besonders wirksam, da integrierte Sensorik, Feuerleitung und 35-mm-Munition (inkl. Airburst) hohe Trefferwahrscheinlichkeiten gegen kleine, langsamere Ziele ermöglichen. Ergänzend wirken vernetzte mobile MG-Teams als massenfähige «fire teams», die – bei guter Zielzuweisung – einen grossen Anteil der Shahed-Abschüsse tragen und High-End-Effektoren für ballistische Bedrohungen freispielen.

Die Grenze dieses Ansatzes liegt dort, wo Russland Flughöhen und Geschwindigkeit erhöht und damit MG-Teams aus der wirksamen Zone drückt. Der Trend geht deshalb von improvisierten Lösungen hin zu systematischer SHORAD (Short Range Air Defense) mit programmierbarer Munition und vernetzter Führung, exemplarisch durch Skyranger-basierte Konzepte. Insgesamt dreht die Kanone – richtig eingebunden in Sensor- und Führungsnetze – das Kosten-Wirkungs-Verhältnis wieder zugunsten der Verteidigung. Hinzu kommt, dass Abwehrsysteme, die auf boden- oder schiffgestützte Laser setzen, kurz vor dem Durchbruch stehen. Obwohl in der Entwicklung sehr ressourcenintensiv, wird die Kostenökonomie nochmals deutlich zugunsten der Verteidigung verschoben werden, sollten sich diese Systeme – beispielsweise in Israel «Iron Beam» – durchsetzen.

Die Neudefinition der Luftverteidigung

Die jüngsten Ereignisse im östlichen Mittelmeer und in der Golfregion sind keine strategische Überraschung, sondern die logische Fortschreibung dessen, was der Abnützungskrieg über der Ukraine seit Jahren lehrt: Luftverteidigung ist wieder eine Frage von Masse, Durchhaltefähigkeit und Ökonomie. OWA-Drohnen erzwingen eine ungemütliche Kostenrechnung, in der selbst hochgerüstete Staaten in kurzer Zeit an Munitions- und Führungsgrenzen stossen. Wer diese Bedrohung weiterhin primär mit knappen High-End-Effektoren beantwortet, gewinnt einzelne Nächte – riskiert aber, den langen Atem zu verlieren.

Die ukrainische Antwort ist deshalb weniger ein einzelnes System als eine methodische Anpassung: Schichtung, Priorisierung und konsequente Entlastung der teuersten Mittel. Elektronische Kriegführung bleibt ein zentraler Hebel, solange sie den Gegner zu Fehlanflügen zwingt und die Abschusslast reduziert – allerdings mit klaren Einsatzlimiten im dicht besiedelten Raum, wo Stör- und Täuschwirkungen rasch in zivile Infrastruktur hineinwirken. Dort, wo «soft kill» an Grenzen stösst oder der Gegner mit KI-Endanflug, störfesten Antennen und höherer Geschwindigkeit reagiert, gewinnen «hard kill»-Komponenten an Gewicht: Abfangdrohnen als massenfähige, schnell skalierbare Schicht, Kampfhubschrauber als mobile Lückenfüller in selektiven Lagen und kanonenbasierte SHORAD als robuste, ökonomische Unterkante – vom Gepard bis zu vernetzten MG-Teams und den absehbaren Nachfolgern wie Skyranger.

Für Europa ist die eigentliche Folgerung damit organisatorisch und industriell: Wer Drohnenabwehr ernst nimmt, muss nicht nur Systeme beschaffen, sondern Produktionsraten, Munition, Sensorik, Führungsfähigkeit und Luftraumkoordination als geschlossenes Gefüge denken – und zwar so, dass es im Dauerbetrieb tragfähig bleibt. Ukrainische Expertise ist gefragt, weil sie unter realem Druck genau diese «Kunst der Austauschlogik» erzwungen hat. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die nächste Welle abgewehrt werden kann, sondern ob die Verteidigung so aufgestellt ist, dass sie auch die hundertste Welle noch bezahlen, führen und wirken kann.

Teilen auf