Ein Schutzschirm ohne Bespannung
Die Attacke der USA und Israels auf den Iran und dessen Antwort ist eine Bestätigung dessen, was Russland und die Ukraine sich seit Längerem gegenseitig liefern: Angriffe auf Distanz. Zum Einsatz kommen dabei ballistische Raketen, Marschflugkörper, Langdistanzdrohnen oder auch Raketenartillerie.
Im Iran-Krieg sind es in erster Linie militärische Ziele, die die beiden Präsidenten Netanyahu und Trump ins Visier nehmen lassen. Doch auch Infrastrukturbauten und Politiker gehören zum Zielkatalog. Die iranische Führung steuert umgekehrt Raketen und Drohnen primär auf kritische Infrastrukturobjekte in den umliegenden Ländern. Dabei bringt sie vor allem die Golfstaaten bei der Luftabwehr in arge Bedrängnis, indem diese ihre teuren und nur beschränkt vorhandenen Patriot-und Thaad-Raketen gegen günstige Drohnen einsetzen.
Hier rächt sich, dass es an einer abgestuften Flugabwehr fehlt. Die Verteidiger geraten in eine Kosten-Nutzen-Falle, wie unser Redaktor Thomas Bachmann sehr gut aufzeigt. Armin Papperger, Konzernchef von Rheinmetall, hat klar gemacht, dass genau in dieser finanziellen Dimension der «Gamechanger»-Effekt von Drohnen liegt. Dabei gibt es eine adäquate Antwort auf diese günstigen Drohnen, die das Kostenverhältnis wieder umkehrt: kanonenbasierte Flugabwehrsysteme wie der Skyranger oder Skynex aus Oerlikon.
Doch was geht das alles die Schweiz an? Was hat unser Land denn zu befürchten? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz erachtet zwar aktuell Pandemien und eine Strommangellage als die grössten Risiken. Das grösste Schadenspotenzial hat aber ein bewaffneter Konflikt. Und in einen solchen kann die Schweiz in der zunehmend instabilen Sicherheitslage rasch hineingezogen werden.
Joachim Adler, Chef Verteidigungspolitik beim Staatssekretariat für Sicherheitspolitik, verweist darauf, dass unser Land schon heute tagtäglich von hybrider Konfliktführung in Form von Cyberangriffen, Desinformation und Spionage betroffen ist. Dahinter stehen meist Russland oder seine Stellvertreter. Doch hybride Konfliktführung geht weiter und reicht bis zur Androhung und Anwendung militärischer Gewalt. Und dafür eignet sich kaum ein Mittel besser als Distanzwaffen – womit wir wieder bei den aktuellen Kriegen in der Ukraine und im Iran sind.
Adler erachtet es als unwahrscheinlich, dass die Schweiz heute Ziel eines umfassenden bewaffneten Angriffs wird. Doch was Europa bedrohe, bedrohe auch unser Land. Neutralität bietet da keinen besonderen Schutz. Wer Europa schaden will, kann das mit einem gezielten Angriff aus der Ferne auf die hochverwundbare Schweiz erreichen, auf die Strom-, Verkehrs- und Kommunikationsdrehscheibe im Herzen Europas.
Und was kann die Schweiz heute einer solchen Bedrohung entgegenhalten? Praktisch nichts. Unser Schutzschirm besteht erst auf dem Papier. Konzepte bilden das Schirmgerippe. Aber die schützende Bespannung fehlt. Deshalb will der Bundesrat nun in den nächsten Rüstungsprogrammen den Fokus auf die Abwehr der wahrscheinlichsten Bedrohungen legen, also auf solche Angriffe aus der Distanz sowie hybride Konflikte.
Der Schwerpunkt des Rüstungsprogramms 2026, das die ASMZ in der nächsten Ausgabe detailliert behandelt, liegt auf der Abwehr von Bedrohungen aus der Luft. So soll die bodengestützte Luftverteidigung im unteren und mittleren Luftraum gestärkt werden. Einerseits soll eine zweite Tranche der bereits bestellten BODLUV-Systeme mittlerer Reichweite Iris-T SLM beschafft werden, andererseits wird für die Drohnenabwehr das bereits erwähnte Skynex von Rheinmetall beschafft, wobei auf 35-mm-Flugabwehrgeschütze gesetzt wird, die sich auf Lastwagen montieren lassen. Hinzu kommen Systeme zur Abwehr von Minidrohnen und von Cyberangriffen.
Mit diesen Beschaffungen soll bis 2028 eine erste, noch ganz dünne Bespannung auf den Schutzschirm, damit unsere Schweiz nicht schon bei einem ganz leichten, kurzen Schauer tropfnass ist.

