Gefährlichste oder wahrscheinlichste Bedrohung?
Die sicherheitspolitische Ausrichtung der Schweiz basiert nicht auf einer einfachen Entscheidung zwischen der gefährlichsten und der wahrscheinlichsten Bedrohung. Vielmehr folgt sie einem risikoorientierten Ansatz, der beide Dimensionen miteinander verknüpft. Dieses Prinzip zeigt sich sowohl in den strategischen Grundlagendokumenten als auch in der aktuellen politischen und militärischen Praxis.
Im Zentrum steht die Bewertung von Risiken entlang zweier Achsen: Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotenzial. Daraus ergibt sich eine klare Logik: Während sich die kurzfristige Planung und Priorisierung primär an den wahrscheinlichsten Bedrohungen orientiert, muss die Armee gleichzeitig in der Lage bleiben, auch mit gefährlichsten – wenn auch weniger wahrscheinlichen – Szenarien umzugehen.
Auf Stufe Bundesrat ist für die Jahre 2026 und 2027 eine klare Priorisierung auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen festgelegt worden. Im Vordergrund stehen dabei Angriffe aus der Distanz sowie hybride Bedrohungen. Gleichzeitig betont Bundesrat Martin Pfister, dass die Armee aufgrund der langen Beschaffungs- und Aufbauzeiten nicht nur auf aktuelle und wahrscheinliche, sondern grundsätzlich auf alle möglichen Bedrohungen ausgerichtet bleiben muss.
Auf Stufe Armee unterstreicht Korpskommandant Benedikt Roos, dass Sicherheit nicht allein militärisch zu verstehen ist, sondern die Sicherheit der Schweiz insgesamt umfasst. Er plädiert entsprechend für einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs über sicherheitspolitische Risiken. In seinen Aussagen stellt er insbesondere zwei Bedrohungsszenarien in den Vordergrund: hybride Bedrohungsformen, vor allem im Cyber- und Informationsraum, sowie Angriffe aus der Distanz – etwa durch Drohnen, Raketen oder Marschflugkörper.
Diese Einschätzung deckt sich mit der konkreten Ausrichtung der Rüstungsprogramme 2026 und 2027. Diese werden durch politische Vorgaben bestimmt und fokussieren stark auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen. Im Zentrum stehen der Ausbau der bodengestützten Luftverteidigung kurzer und mittlerer Reichweite, die Abwehr von Minidrohnen, die Stärkung von Cyber- und Informatikfähigkeiten sowie der Ausbau der elektromagnetischen Aufklärung und Abwehr. Ergänzend wird auch der Aufbau der Munitionsbevorratung vorangetrieben.
Diese Priorisierung führt zu einer bewussten Verschiebung innerhalb der Fähigkeitsentwicklung. Teile des ursprünglich angestrebten ausgewogenen Fähigkeitsprofils – insbesondere im Bereich der grossflächigen Bodenverteidigung – werden zeitlich zurückgestellt. Investitionen etwa in Artillerie, Führungsmittel oder weitere Bodensysteme erfolgen verzögert oder in reduziertem Umfang. Diese Entwicklung wird explizit als Form der Risikobewirtschaftung verstanden: Fähigkeitslücken werden in Kauf genommen mit dem Ziel, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu schliessen – dann allerdings unter Umständen mit höherem Aufwand.
Gleichzeitig wird anerkannt, dass auch mit dieser Repriorisierung den wahrscheinlichsten Bedrohungen nur schrittweise begegnet werden kann. Die vorhandenen Mittel reichen nicht aus, um kurzfristig einen umfassenden Schutz sicherzustellen. Insbesondere kritische Infrastrukturen und Ballungsräume können derzeit nur begrenzt geschützt werden.
Trotz der klaren Ausrichtung auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen bleibt die gefährlichste Bedrohung im strategischen Hintergrund präsent. Ein klassischer militärischer Angriff auf die Schweiz gilt weiterhin als wenig wahrscheinlich, hätte im Ernstfall jedoch gravierende Auswirkungen. Deshalb wird die Fähigkeit zur Landesverteidigung nicht aufgegeben, sondern weiterhin – wenn auch mit begrenzten Mitteln – aufrechterhalten.
Insgesamt zeigt sich ein klares Spannungsfeld: Die Schweizer Armee bewegt sich zwischen der Notwendigkeit, kurzfristig auf reale und wahrscheinliche Gefährdungen zu reagieren, und dem Anspruch, langfristig auch gegenüber existenziellen Bedrohungen handlungsfähig zu bleiben. Operativ dominiert derzeit die Ausrichtung auf Angriffe aus der Distanz, Drohnenbedrohungen und Cyberrisiken. Strategisch bleibt jedoch die Fähigkeit zur umfassenden Verteidigung ein unverzichtbarer Referenzpunkt. Diese doppelte Logik ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck eines bewussten sicherheitspolitischen Entscheids.
Angesichts begrenzter Ressourcen und wachsender Unsicherheit wird Sicherheit als Prozess der Priorisierung verstanden. Die Schweiz stärkt gezielt jene Fähigkeiten, die gegenüber den wahrscheinlichsten Bedrohungen wirksam sind – ohne dabei die Handlungsfähigkeit gegenüber den gefährlichsten Szenarien vollständig aufzugeben.

