Angriffsdrohnen sollen Kampfverbände stärken
Seit Jahren nutzt die Schweizer Armee schon Drohnen für die Aufklärung. Nun wird die Integration von Drohnen-Wirkteams in Kampfverbände getestet.
Die Schweizer Armee testet derzeit die Integration von Drohnen-Wirkteams in Kampfverbände. Auf dem Schiessplatz Wichlen (GL) standen im Mai nicht allein neue Technologien im Fokus, sondern insbesondere deren taktische Einbindung, die Ausbildung und das Zusammenspiel zwischen Aufklärung, Führung und Wirkung.
Das Kompetenzzentrum Drohnen und Robotik arbeitet bei diesen Tests eng mit der Truppe zusammen. Die Armee hat im Rahmen eines ersten Feldversuches letzten Herbst 20 Armeeangehörige als Piloten von FPV-Drohnen ausgebildet. FPV steht für «First Person View», was so viel bedeutet wie «aus der ersten Perspektive» und ist ein Sammelbegriff für alle Arten der Fortbewegung, bei welcher der Pilot oder Fahrer aus der Sicht des Objektes steuert.
Drohnenpiloten und Panzersoldaten profitieren
Diese Drohnenspezialisten übten nun mit den Angehörigen des Pz Bat 13 der Mech Br 11 das Zusammenspiel von Drohnen-Wirkteams und den Panzerverbänden. Im Laufe des WKs durchliefen alle Kampfkompanien Übungen zusammen mit den Drohnenpiloten. Die Erkenntnisse werden in den weiteren Kompetenzaufbau einfliessen.
Dabei ging es zum einen um die Weiterausbildung der Drohnenpiloten im Angriff auf gegnerische Panzer unter realistischen Bedingungen, zum anderen aber auch um die Integration dieses neuen Wirkmittels auf dem Gefechtsfeld eines mechanisierten Verbandes. Die Drohnenspezialisten lernten das Handwerk der Gelben kennen, zeigen ihrerseits aber auch den Kampfverbänden, wo sie verletzlich sind und wie sie Kampfdrohnen für ihre eigene Gefechtsleistung einsetzen können.
Ständig neue Erkenntnisse
Die jüngsten Übungen bauten auf den Erfahrungen vom letzten Jahr. Nun wurde insbesondere die taktische Einbindung solcher Systeme in bestehende Führungs- und Einsatzstrukturen untersucht. Die Übungen auf der Wichlen zeigten deutlich, dass moderne Drohnensysteme nicht isoliert betrachtet werden können. Entscheidend ist vielmehr deren Zusammenspiel mit Aufklärung, Führung und Wirkung im Rahmen des Gefechts der verbundenen Waffen. Dabei stehen nicht allein technische Fragen im Vordergrund, sondern insbesondere organisatorische Abläufe, Kommunikationswege und kurze Entscheidungszyklen.

Die Bedeutung kleiner und kostengünstiger Drohnen hat in den vergangenen Jahren international stark zugenommen. Aktuelle Konflikte zeigen, dass solche Systeme sowohl für Aufklärungs- als auch für Angriffszwecke eingesetzt werden können und zunehmend Einfluss auf Ausbildung, Führungsverfahren und taktische Abläufe haben. Mit den laufenden Feldversuchen verfolgt die Schweizer Armee das Ziel, Erkenntnisse für Ausbildung, Einsatzverfahren und mögliche zukünftige Fähigkeiten im Bereich unbemannter Systeme zu gewinnen. Gleichzeitig dienen die Übungen dazu, Erfahrungen im praktischen Zusammenwirken zwischen Drohnenpiloten und Kampfverbänden unter realitätsnahen Bedingungen zu sammeln. Die gewonnenen Erkenntnisse aus all diesen Übungen sollen in künftige Beschaffungen einfliessen.
Die Entwicklung im Bereich militärischer Drohnensysteme verläuft derzeit mit hoher Dynamik. Entsprechend gewinnen flexible Ausbildungsansätze und die rasche Anpassung taktischer Verfahren zunehmend an Bedeutung.
Oberstleutnant Mario Caspar ist stellvertretender Leiter des Kompetenzzentrums Drohnen und Robotik Verteidigung. An ihn geht die Frage, wie FPV-Drohnenpiloten eigentlich ausgebildet werden.
Mario Caspar: Die heute dem Kompetenzzentrums Drohnen und Robotik Verteidigung zur Verfügung stehenden Piloten – sie wurden in der Panzerschule 21 und der Infanterieschule 12 rekrutiert – wurden im Jahr 2025 während fünf Wochen für das Fliegen ausgebildet. Diese Ausbildung wurde mit handelsüblichen Standardprodukten gemacht. Die Ausbildung im Vorfeld des Feldversuchs dauerte vier Tages.
Welche Fähigkeiten stehen dabei im Vordergrund?
Notwendig sind technische Skills, aber ebenso Softskills wie etwa Sozialkompetenz, Teamwork, rasche Auffassungsgabe, Lernbereitschaft und Belastbarkeit
Welche Schwierigkeiten zeigen sich in der Ausbildung besonders häufig?
Grundsätzlich wollen wir nach dem Motto «übe, wie du kämpfst» ausbilden und trainieren. Aber das ist nicht immer und überall mit den geltenden Regulatorien kompatibel oder auf Anhieb umsetzbar. Die Integration von Drohnen in kämpfende Formationen kann dazu führen, dass ihre Dynamik zeitlich verschoben wird und es zu Wartezeiten kommt. Das kann beispielsweise beim Abwarten auf Aufklärungsergebnissen oder bei der Vernichtung des Schlüsselziels der Fall sein. Das sind sich die Piloten noch nicht gewohnt. Aber letztendlich ist diese «Wartezeit» eine Steigerung der Überlebenschance im Zeitalter des gläsernen Gefechtsfelds. Es benötigt einerseits einen Mindset-Change und eine Anpassung der Einsatzverfahren.

In welchen Kampfverbänden werden Drohnen-Wirkteams integriert?
Den aktuellen Feldversuch machen wir genau deshalb, um Antworten auf solche Fragestellungen zu erhalten. Eine mögliche Integration hängt von diversen Faktoren ab wie beispielsweise Wirkungsraum, Grösse und Komplexität der Systeme, Ausbildungsaufwand, notwendiger Personalansatz, logistische Aspekte und die Übermittlung.
Welche organisatorischen Anpassungen sind dafür notwendig?
Die konkrete Umsetzung ist abhängig vom gewählten Ansatz, entweder Integration in bestehende Formationen oder Aufbau von spezialisierten Formationen. Fakt ist aber, dass wenn organisatorisch neue Funktionen geschaffen werden, und ein Aufbau stattfindet, im Gegenzug auf etwas verzichtet werden muss, da der Armeebestand gesetzt ist.
Wie verändert sich die Zusammenarbeit zwischen Führung, Aufklärung und Wirkung?
Alle Aktivitäten des Kompetenzzentrums Drohnen und Robotik Verteidigung richten sich am Sensor-Nachrichten-Führungs-Wirkungs-Verbund aus. Mit den Aufklärungsdrohnen, egal welcher Art und Grösse, geht es darum, das Gefechtsfeld auf der Gegenseite gläsern zu machen und im Vorgelände der jeweiligen Formation ein möglichst klares Lagebild für die Führungsebene zu generieren. Dieses erlaubt es den Kommandanten, gezielt ein adäquates Wirkmittel gemäss der Absicht einzusetzen. Bei Angriffsdrohnen gibt es zusätzlich die Zielsetzung, dass mittels automatisierter Zielübermittlung vom Sensor an den Effektor die Zeitspanne verkleinert werden kann. Die Drohne als Wirkmittel bietet dem Kommandanten neue Möglichkeiten, nämlich punktgenau über grössere Distanzen gedeckte oder bewegliche Ziele zu bekämpfen. Die Führung wird stärker gefordert und der Koordinationsaufwand wird tendenziell zunehmen. Die Planung des Einsatzes von Angriffsdrohnen und/oder Abwehrsystemen erfordert ziemlich sicher auch neue Stabsfunktionen mit spezifischem Wissen oder eine angepasste Ausbildung für diese.
Welche taktischen Erkenntnisse konnten bisher gewonnen werden?
Das gläserne Gefechtsfeld zwingt zu einem Umdenken bezüglich Tarnung, Täuschung und Bewegungen auf dem Gefechtsfeld. Unsere Zielprioritäten dürften sich insofern verlagern, da anzunehmen ist, dass der Gegner über qualifizierte Drohnenteams sowohl beim Sensor wie der Wirkung verfügt. Mit der Angriffsdrohne hat ein Kommandant ein weiteres Wirkmittel, welches ihm neue Optionen eröffnet in Bezug auf die Kampfführung und Zielbekämpfung.
Wieviel Zeit braucht es bis zur Einsatzbereitschaft?
Die Tatsache, dass ein System – wie im Feldversuch auf dem Schiessplatz Wichlen gesehen – innert Minutenfrist punktgenau Ziele auf eine Distanz von 10 bis 15 Kilometer bekämpfen kann, verringert die Reaktionszeit im Vergleich zu heute massiv. Es bedingt aber, dass dieses Mittel einem taktischen Kommandanten zum direkten Einsatz auf seiner Stufe zugewiesen ist.

Welche Erkenntnisse aus aktuellen Konflikten fliessen in die Versuche ein?
Zur Verfügung stehende Grundlagen oder best practices werden analysiert und bestmöglich in die Überlegungen oder Feldversuche miteinbezogen.
Welche Entwicklungen im Ukraine-Krieg werden besonders aufmerksam beobachtet?
Der Einsatz von Drohnen und die Abwehr von Drohnen wird beobachtet. Deshalb wird zum Beispiel der Bereich Gegenstand von weiteren Feldversuchen sein.
Welche Rolle spielen die elektronische Kampfführung und Störmassnahmen und wie begegnet man diesen?
Elektronische Störmassnahmen spielen eine grosse Rolle und werden in all unseren Projekten laufend einbezogen und bearbeitet. Eine Fiberoptik-Drohne ist sozusagen resistent dagegen, weshalb wir dieses Thema im Rahmen von Feldversuchen erproben.

Welche nächsten Schritte sind im Bereich Drohnen und Robotik geplant?
Aktuelle Fokusthemen im Kompetenzzentrum Drohnen und Robotik Verteidigung sind die Abwehr von Mini-Drohnen, Angriffsdrohnen und das Thema Vernetzung in Bezug auf den Sensor-Nachrichten-Führungs-Wirkungs-Verbund.
Welche Bedeutung wird FPV-Drohnen künftig innerhalb der Schweizer Armee haben?
Wenn die Schweiz konkurrenzfähig sein will, dann muss sie über die Kompetenz Angriffsdrohnen, aber auch deren Abwehr verfügen.

