Der Zivildienst reisst grosse Lücken in die Armee: Die Zivi-Reform darf nur der Anfang sein
Der Tages-Anzeiger hat jüngst eine Umfrage zu den moralischen Grenzen durchgeführt. Gut 24000 Leserinnen und Leser haben sich daran beteiligt. Neben Fragen zur Einstellung zum Fliegen, zum Suizid oder zum heimlichen Pornokonsum war da auch die Frage, ob der Dienst an der Waffe moralisch problematisch sei, weil er Gewalt vorbereite. Immerhin 28 Prozent der teilnehmenden Frauen antworteten mit Ja, bei den Männern war es auch noch fast jeder Fünfte.
Mit Blick auf die Abstimmung vom 14. Juni über die Änderung des Zivildienstgesetzes beunruhigt insbesondere der hohe Anteil von Leuten im Alter von 18 bis 29 Jahren, die den Dienst an der Waffe für unmoralisch halten: Fast 31 Prozent dieser Altersgruppe, die den Grossteil der Dienstleistungspflichtigen ausmacht, haben den Ja-Knopf angeklickt. Ungeachtet der Tatsache, dass Russland seit mittlerweile über vier Jahren einen brutalen Krieg in der Ukraine führt, in welchem schon Hunderttausende umgekommen sind. Was würden all die moralisch bewegten Waffenverweigerer machen, wenn dieser Krieg weiter in den Westen und auf die Schweiz überschwappen würde?
Es reicht nicht, die Armee im Allgemeinen zu befürworten – so wie das gemäss der Sicherheitsstudie 2026 83 Prozent der Befragten machen, notabene einer der höchsten Zustimmungswerte seit dem Ende des Kalten Krieges – und darauf zu vertrauen, dass andere für die eigene Sicherheit sorgen. Es braucht das Hinstehen und den Beitrag jedes Einzelnen für die Sicherheit aller. Doch die Realität ist eine andere: 30 bis 40 Prozent eines Armeejahrgangs leisten heute Zivildienst. Das Zivi-Dasein ist deutlich angenehmer als der Militärdienst. Nicht nur sind die Arbeitszeiten begrenzt und sehr berechenbar. Die Wochenenden dauern für einen Zivi vom Freitagabend bis zum Montagmorgen – ganz anders als bei den Armeeangehörigen. Jeden Abend geht es für den Zivi zurück ins eigene Bett, statt in der Kaserne ein Mehrbettzimmer mit anderen teilen zu müssen.
Nicht einmal der im Jahr 2009 eingeführte Tatbeweis, der für Zivis 1,5-mal so viele Diensttage wie für einen Armeeangehörigen brachte, vermochte die Attraktivität des Zivildienstes zu bremsen. Ganz im Gegenteil: Seit es keine Gewissensprüfung mehr braucht, explodierten die Zulassungen zum Zivildienst förmlich. Lagen sie zuvor noch bei rund 1600 pro Jahr, wurden sie auf fast das Vierfache hinaufkatapultiert. 2025 sind es schon 7211gewesen. Zur Erinnerung: 1996, als der Zivildienst eingeführt wurde, waren es gerade einmal 96 Männer, die glaubhaft machen konnten, dass sie der Militärdienst in eine Gewissensnot stürzen würde.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich auch, dass der Zivildienst, der eigentlich länger dauern sollte als der Militärdienst, de facto kürzer ist. Werden die effektiven Arbeitszeiten im Militärdienst – die schnell einmal bei 14 Stunden pro Tag liegen – gegenüber einer 42-Stunden- Woche von Zivis zum Vergleich herangezogen, kommen wir wiederum auf einen Faktor von 1,5, aber zuungunsten der Armeeangehörigen.
Der Bundesrat will mit sechs Massnahmen die Attraktivität des Zivildienstes reduzieren und so Armee und Zivilschutz die dringend benötigten Leute zuführen. Er geht davon aus, dass diese zu einem Rückgang der Zulassungen zum Zivildienst von 40 Prozent führen werden. Das ist aber eine reine Annahme, die mehr auf dem Prinzip Hoffnung beruht. Es ist zu befürchten, dass die Massnahmen de facto nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein sein werden. Das heisst nicht, dass die Revision des Zivildienstgesetzes deswegen nutzlos wäre. Die Vorlage gilt es anzunehmen. Doch sie kann nur ein erster Schritt sein auf dem Weg, der Armee und dem Zivilschutz das nötige Personal zu sichern und eine Wehrgerechtigkeit wiederherzustellen.
Die vom Parlament bereits gutgeheissene Wiedereinführung der Gewissensprüfung würde den Zivildienst wieder zu dem machen, wofür er einst geschaffen worden ist: zu einem Ersatzdienst für jene, die aus tiefen inneren Beweggründen keinen Militärdienst leisten wollen. Wirklich besser dürfte es aber erst werden, wenn dereinst Zivilschutz und Zivildienst zu einem Sicherheitsdienst zusammengelegt werden.

