BevölkerungsschutzSOG

Ein sicherheitspolitisches Bewusstsein schaffen

Im November 2024 erhielten 5,2 Millionen schwedische Haushalte Post von ihrer Regierung – eine gelbe, 32-seitige Broschüre mit dem Titel «Wenn Krise oder Krieg kommt». Darin wurde erläutert, was Bürgerinnen und Bürger im Ernstfall tun sollen: Wasser und Lebensmittel für eine Woche lagern, Bargeld bereithalten, ein batteriebetriebenes Radio beschaffen, die Nachbarschaft kennen und wissen, wo sich die nächste Sammelstelle befindet. Schweden hat eine solche Broschüre seit dem Zweiten Weltkrieg bereits fünfmal herausgegeben. Die Ausgabe von 2024 war jedoch die erste, die ausdrücklich auf die Möglichkeit eines bewaffneten Angriffs vorbereitete. Der schwedische Zivilschutzminister erklärte dazu: «Die Sicherheitslage ist ernst. Wir alle müssen unsere Resilienz stärken.»

Schweden hat seit über 200 Jahren keinen Krieg geführt. Wenn ein solches Land seine Bevölkerung auffordert, sich auf Krieg vorzubereiten, geschieht dies nicht aus Hysterie, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Schweden hat entschieden, seine Bevölkerung nicht länger in der Illusion der Unangreifbarkeit zu belassen.

Die Schweiz hat bislang keine vergleichbare Broschüre veröffentlicht. Zwar existieren Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, der Notvorrat-Ratgeber und einzelne Informationskampagnen. Doch nichts davon erreicht die Bevölkerung mit derselben Reichweite und Verbindlichkeit wie das schwedische Modell. Es fehlt ein nationales Dokument, das klar vermittelt: Die Sicherheitslage hat sich verändert. Bereitet euch vor. Ihr seid Teil der umfassenden Sicherheit unseres Landes.

Warum ist das so? Nicht aus Unfähigkeit, sondern aufgrund eines Zusammenspiels von Bequemlichkeit, Selbstbild und politischem Kalkül. Die Schweiz versteht sich als sicheres Land. Sie ist es auch im relativen Vergleich. Doch gerade diese Sicherheit hat ein problematisches Nebenprodukt hervorgebracht: Ein Sicherheitsgefühl, das weit über das hinausgeht, was die tatsächliche Lage rechtfertigt.

Viele Schweizerinnen und Schweizer betrachten Sicherheit als Normalzustand, nicht als Ergebnis von Vorsorge und Einsatz. Sie erwarten, dass Strom fliesst, Wasser aus dem Hahn kommt und der Staat jederzeit handlungsfähig bleibt, ohne sich ernsthaft zu fragen, was geschieht, wenn eines dieser Systeme länger ausfällt. Die Politik bestärkt diese Erwartung oft, weil Warnungen vor Verwundbarkeit weniger Zustimmung erzeugen als Versprechen von Stabilität.

Die Realität ist unbequemer. Der Chef der Armee sagte kürzlich, wir lebten noch nicht in Kriegszeiten, aber auch nicht mehr in Zeiten des Friedens. Tatsächlich sind wir bereits heute mit vielen Bedrohungen konfrontiert, die längst zu unserem sicherheitspolitischen Umfeld gehören.

Die Schweiz verfügt über eine einzigartige Tradition der Bürgerbeteiligung an der Sicherheit. Milizarmee, Zivilschutz sowie das Milizsystem in Politik und Verwaltung beruhen auf der Überzeugung, dass Sicherheit von der Gesellschaft als Ganzes getragen werden muss. Dieser Gedanke ist richtig und vorbildlich.

Doch er funktioniert nur, wenn die Bevölkerung weiss, wogegen sie sich wappnen soll und weshalb ihr Beitrag zählt. Man kann keine Widerstandskraft erwarten, ohne zu erklären, warum sie notwendig ist. Man kann keine gesellschaftliche Resilienz gegen Krisen aufbauen, wenn potenzielle Krisen beschwiegen oder in Fachberichten versteckt werden, die kaum jemand liest.

Schweden hat diesen Schritt vollzogen – offen, klar und ohne Panikmache. Es hat seiner Bevölkerung die Wahrheit zugemutet, weil es Vertrauen in ihre Urteilskraft besitzt. Die Schweiz sollte dasselbe tun. Nicht weil ein Krieg unmittelbar bevorsteht, sondern weil Vorbereitung Zeit braucht. Eine Bevölkerung, die erst im Ernstfall erfährt, was von ihr erwartet wird, wird diesem Ernstfall kaum gewachsen sein.

Was es braucht, ist kein Angstpapier, sondern ein Ehrlichkeitsdokument. Eine Broschüre oder ein nationales Kommunikationsprojekt, das die realen Bedrohungen verständlich erklärt und aufzeigt, was jede und jeder Einzelne tun kann: Vorräte anlegen, Bargeld bereithalten, Notfallpläne besprechen oder sich im Zivilschutz beziehungsweise in der Miliz engagieren. Ein Dokument, das erklärt, wie Armee, Zivilschutz und zivile Behörden im Krisenfall zusammenwirken. Und eines, das den Satz enthält, den bisher kein Schweizer Bundesrat öffentlich ausgesprochen hat: Sicherheit ist nicht selbstverständlich. Sie verlangt etwas von uns allen.

Frieden ist nicht die Abwesenheit von Bedrohungen. Frieden ist das Ergebnis von Vorbereitung, Entschlossenheit und einer Gesellschaft, die weiss, was auf dem Spiel steht. Schweden hat diese Erkenntnis gewonnen. Ein Land, das uns in vielerlei Hinsicht ähnelt, hat verstanden, dass Vertrauen kein Grund ist, die Augen zu schliessen, sondern ein Grund, sie zu öffnen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Schweiz diesen Schritt ebenfalls gehen sollte, sondern wann sie ihn geht. Denn auch hier läuft die Zeit. Und Zeit ist zu einem entscheidenden sicherheitspolitischen Faktor geworden. Die SOG hofft deshalb, dass Bund und Kantone bald erste konkrete Schritte unternehmen, um in der Bevölkerung wieder ein ausgeprägtes sicherheitspolitisches Bewusstsein zu schaffen.

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