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Herausforderung modernes Gefechtsfeld: Gedanken zum Einsatz von Bodentruppen

Das Gefechtsfeld hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Die doktrinelle Antwort auf die neuen Gegebenheiten ist die zonengebundene Verteidigung. Diese bedingt neue Prioritäten bei der Fähigkeitsentwicklung am Boden.

Kursk, 1943: 800’000 Mann, 10 000 Geschütze, 2000 Panzer. Gewaltige Schlachten tobten vom 5. bis 16. Juli 1943 im Kursker Bogen im Rahmen des Unternehmens Zitadelle.

Kursk, 2024: Einzelne mechanisierte Einheiten pirschen sich durch die Landschaft, stets entlang von Vegetationsstreifen. Blitzartig wird die Geschwindigkeit erhöht, Feuerunterstützung gegeben und rasch wieder weggefahren – permanent bedroht durch omnipräsente Drohnen, Panzerabwehrwaffen grosser Reichweite und Minen.

Grösser könnte der Unterschied nicht sein! Der Krieg in der Ukraine zeigt seit Februar 2022 die Verwundbarkeit schwerer gepanzerter Kräfte auf. Die russischen Verluste an gepanzerten Gefechtsfahrzeugen belaufen sich gemäss visuell verifizierten Daten von Oryx mittlerweile auf 4390 Kampfpanzer und 6429 Schützenpanzer (Stand Juni 2026); rechnet man weitere gepanzerte Gefechtsfahrzeuge hinzu (APC, MT-LB, BRDM), liegt die Gesamtzahl der zerstörten oder verlorenen gepanzerten Mittel bei über 13 000. Die Bilder ausgebrannter russischer Kolonnen aus den ersten Kriegswochen prägen die öffentliche Wahrnehmung bis heute und führen wiederkehrend zur Frage, ob schwere Kampffahrzeuge auf dem modernen Gefechtsfeld überhaupt noch eine Rolle spielen.

Ein ukrainischer T-64 mit improvisiertem Anti-Drohnen-Schutz in der Region Kursk anlässlich der überraschenden ukrainischen Offensive im Jahre 2024. (Bild: Ukrainische Armee)
Ein ukrainischer T-64 mit improvisiertem Anti-Drohnen-Schutz in der Region Kursk anlässlich der überraschenden ukrainischen Offensive im Jahre 2024. (Bild: Ukrainische Armee)

Das moderne Gefechtsfeld ergänzt das klassische durch mehrere neue Wirkprinzipien: eine fast lückenlose Lageverfolgung durch Aufklärungs- und Überwachungsdrohnen auf jeder taktischen Führungsstufe, das permanente Wechselspiel zwischen Stören und Gestört-Werden im elektromagnetischen Raum, einen durch KI beschleunigten Nachrichtenzyklus sowie einen deutlich rascheren «Sensor-to-Shooter Loop». Hinzu kommt der Trend zu unbemannten Bodenmitteln für spezialisierte Aufgaben – Versorgung, Verwundetentransport, Angriff. Das Ergebnis: Taktische Kommandanten können erkannte gegnerische Kräfte beinahe zeitverzugslos und zielgenau bekämpfen.

Rund 80 Prozent der Verluste an gepanzerten Mitteln werden heute durch eine Kombination aus indirektem Feuer und unbemannten Wirkmitteln erzielt – Artillerie, Loitering Munition, FPV- und Kampfdrohnen. Dabei spielen kostengünstige, funk- und fiberoptisch gelenkte Kampfdrohnen eine immer grössere Rolle. Wie sollen Bodentruppen in diesem Einsatzumfeld überleben, geschweige denn nachhaltig Wirkung erzielen können? Anpassungsfähigkeit und Weiterentwicklung sind gefordert. Die heute vorherrschende Vorgehensweise auf russischer Seite illustriert den Befund in zugespitzter Form: Abkehr von mechanisierten Mitteln, Vormarsch zu Fuss und auf leichten Fahrzeugen.

Als Reaktion auf die ukrainische «Drone Wall» gingen die russischen Streitkräfte vermehrt dazu über, Angriffe in Kleinstformationen auf Motorrädern, Quads oder anderen leichten Fahrzeugen vorzutragen beziehungsweise kleinste Trupps von zwei bis vier Mann zu Fuss infiltrieren zu lassen. Diese Vorgehensweisen bieten auf der einen Seite eine erheblich reduzierte Signatur und damit eine geringere Zielfläche gegenüber gegnerischen Angriffsmitteln, auf der anderen Seite sind die angreifenden Formationen ungeschützt und äusserst verwundbar. Zudem fehlt ihnen die organische Feuerkraft, um Einbrüche nachhaltig auszunützen – mehr als begrenzte taktische Erfolge sind so nicht zu erzielen.

Russische Soldaten stossen auf Motorrädern vor. (Bild: Euromaidanpress)
Russische Soldaten stossen auf Motorrädern vor. (Bild: Euromaidanpress)

Diese Abkehr von schweren Mitteln als Hauptträger von offensiven Aktionen ist angesichts von rund 30’000 russischen Verlusten (Tote und Verwundete) pro Monat keinesfalls als Triumph der Infanterie zu betrachten, sondern Konsequenz aus Transparenz und Letalität des Gefechtsfeldes: Wenn kein teures, schweres Gefechtsfahrzeug seine Aufgabe erfüllen kann, übernimmt im Abnützungskampf das «billigste» und verfügbarste Mittel (aus russischer Sicht am Ende der Mensch) die Hauptlast – auf Kosten von Schutz und Überlebensfähigkeit.

Für die Bodentruppen folgt aus dieser Entwicklung: Bisherige Tugenden wie Tarnen, Täuschen, Signaturreduktion und möglichst aufgelockerte Gefechtsführung behalten ihre universelle Gültigkeit und werden auf dem transparenten Gefechtsfeld zur Überlebensvoraussetzung, für abgesessene Kräfte ebenso wie für mechanisierte Mittel wie Elemente der Führung und Logistik. Die Konsequenzen sind jedoch tiefgreifender: Die Einsatzverfahren der Bodentruppen inklusive Führung und Einsatzlogistik müssen grundlegend angepasst werden, solange sich noch kein wirkungsvoller Schutz gegen die neuen Bedrohungen abzeichnet, der klassische Manöver im Bewegungskrieg wieder ermöglicht. So lange ist der Verteidigungskampf mehrheitlich statisch, entlang des starken, überbauten Geländes zu führen. Offensive Aktionen beschränken sich dabei auf geplante, begrenzte, zeitlich kurze Vorstösse aus maximal aufgelockerten Bereitstellungen. Die bisherige Vorstellung eines breit angelegten, gepanzerten Angriffs ist unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr erfolgversprechend durchführbar.

Geforderte Fähigkeiten für das Gefechtsfeld der Zukunft

1. See further and strike further: Auf dem transparenten Gefechtsfeld werden Gefechte zunehmend so lange wie möglich auf allen Stufen aus dezentralen, stark aufgelockerten Stellungsräumen in der Tiefe (non line of sight) geführt. Dabei sollen indirektes Feuer, Kampfdrohnen und Loitering Munition bereits ab Stufe Zug und Kompanie eingesetzt werden können. Der Übergang in den «Nahkampf» («close battle») – die Konzentration eigener Kräfte zur Nutzung der direkt schiessenden Waffen im taktisch zusammenhängenden Gelände – erfolgt so spät wie möglich und erst wenn die nötigen Voraussetzungen geschaffen sind.

In der Doktrin der NATO-Staaten verlagert sich die Fähigkeit zur Wirkung auf Distanz gleichzeitig nach oben und nach unten. Korps und Divisionen gewinnen wieder eine grössere, gestaltende Rolle durch weitreichendes Feuer in der Tiefe in Form von Raketenartillerie und weitreichenden Kampfdrohnen beziehungsweise Loitering Munition. Die taktischen Stufen Zug, Einheit und Bataillon erhalten gleichzeitig mehr Fähigkeiten, um den Kampf selbständig auf grössere Distanz indirekt in das taktische Vorgelände zu tragen. Eine entsprechende Zielaufklärung mit luft- und bodengestützten Sensoren auf jeder Stufe wird damit zur Voraussetzung.

Prinzipbild für das transparente Gefechtsfeld. (Bild: National Defense)
Prinzipbild für das transparente Gefechtsfeld. (Bild: National Defense)

2. Information dominance is as vital as fire power: Die rasche Auswertung und zielgerichtete Verbreitung von Informationen durch vernetzte Sensoren wird zur entscheidenden Fähigkeit. Wer nicht schnell genug ist, verliert. Bodentruppen fungieren dabei nicht nur als Sensoren, sondern auch als Verteiler (Relais und MESH-Funktion/als Netzwerk) und Empfänger im Gesamtsystem.

Eine Anbindung an ein hierarchisch skalierbares Führungsinformationssystem – für Lageverfolgung, Geoinformationen, Standorte der eigenen Mittel und konsolidierte Informationen zum Gegner – wird auf dem zunehmend dezentralisierten, komplexen Gefechtsfeld unverzichtbar. Gleichzeitig droht eine kognitive Überlastung der militärischen Führer; KI zur Unterstützung der Lageverfolgung, Nachrichtenauswertung und Feuerführung, aber auch die stufengerechte Delegation von Kompetenzen im Rahmen der bewährten Auftragstaktik gewinnen entscheidend an Bedeutung. Einheiten und Truppenkörper führen das Gefecht im taktisch zusammenhängenden Gelände weitgehend selbständig, abgestützt auf redundante, signaturarme, sich im zivilen «Grundrauschen» verbergende Kommunikationssysteme.

3. Improved survivability: Im Angesicht der Bedrohung durch Kampfdrohnen, Loitering Munition und top-attack-fähigen Panzerabwehrmitteln müssen Bodentruppen und insbesondere schwere Mittel sowie Schlüsselsysteme der Führung und Logistik über eine deutlich gesteigerte Überlebensfähigkeit verfügen.

Das früher allein zwischen Luftwaffen ausgetragene Ringen um die Luftüberlegenheit als Voraussetzung für erfolgreiche Bodenaktionen gilt unverändert, wird bereits heute aber auch auf unterster taktischer Ebene mit und gegen Drohnen entschieden (Low Level Air Superiority Fight). Ein wirkungsvoller Schutz gegen diese neue Bedrohung aus der dritten Dimension muss dabei über verschiedene, sich ergänzende, mehrschichtige Systeme (multilayer) verfügen.

Neben Systemen der klassischen Flugabwehr (BODLUV) setzt sich dieser aus verschiedenen Sensoren zur Drohnendetektion, elektromagnetischen Störern und kinetischen Wirkmitteln kurzer Distanz (Kanonen, Anti-Drohnen-Drohnen usw.) zusammen. Solche Systeme sind zwingend auf unterster taktischer Stufe in die Formationen zu integrieren, um eine wirkungsvolle Anti-Drohnen-Schutzkuppel über diesen zu bilden.

4. Mastering MOUT (Military Operations in Urban Terrain): Der bewaffnete Konflikt in der Ukraine wird ebenfalls grossteils im überbauten Gelände entschieden – Mariupol, Bachmut, Awdijiwka, Pokrowsk sind nur einige Beispiele wochen- und monatelang umkämpfter ukrainischer Städte. Das überbaute Gelände bietet Deckung gegen unbemannte Luftfahrzeuge, schränkt aber gleichzeitig die Kommunikation, Aufklärung und Beweglichkeit massiv ein. Aktionen im überbauten Gelände sind zeitraubend und personalintensiv – und sie bevorteilen den Verteidiger. Eine technologisch und numerisch unterlegene Streitkraft kann in diesem Gelände ihre Nachteile zu einem Grossteil ausgleichen.

Die Karte zeigt die starke Überbauung der Schweiz. (Bild: geo.admin.ch)
Die Karte zeigt die starke Überbauung der Schweiz. (Bild: geo.admin.ch)

Für dicht besiedelte Räume wie die Schweiz gilt dieser Befund in besonderem Mass: Das Mittelland gilt als einer der am dichtesten besiedelten Räume Europas – ein bewaffneter Konflikt auf solchem Territorium würde sich zwangsläufig zu einem erheblichen Teil im überbauten Gelände abspielen. Die Urbanisierung ist damit nicht nur ein internationaler Trend, sondern für unsere Doktrinentwicklung der prägende geografische Rahmen. Die etablierten Grundsätze des Gefechts im überbauten Gelände behalten dabei ihre Gültigkeit. Sie sind aber um die oben beschriebene Drohnendimension zu erweitern.

5. Mass matters: Auf einem Gefechtsfeld, das durch hohe Abnützung an Mensch und Material geprägt ist, entscheidet nicht allein die Qualität der eingesetzten Mittel, sondern auch ihre Quantität und die Fähigkeit, sie über die Zeit verfügbar zu halten.

Die Erfahrungen aus der Ukraine zeigen: Verbände verbrauchen Material in einer Geschwindigkeit, welche die Friedensvorräte selbst grosser Streitkräfte rasch erschöpft. Munition, Ersatzteile, Treibstoff, Fahrzeuge und unbemannte Wirkmittel werden in einem Tempo umgesetzt, das nur mit ausreichend dimensionierten und gut geschützten Beständen zu decken ist. Daraus ergibt sich dreierlei. Erstens: Munitionsvorräte aller Klassen – Artilleriemunition, Panzerabwehrlenkwaffen, Drohnen, Loitering Munition – müssen einen längeren, intensiven Einsatz tragen können. Zweitens: Die Lagerhaltung selbst ist auf dem transparenten Gefechtsfeld verwundbar – dezentrale, getarnte und gestaffelte Lager über die Tiefe des Einsatzraumes sind robuster als wenige grosse Knoten und reduzieren das Risiko, durch einen einzelnen gegnerischen Schlag wesentliche Teile der Versorgung zu verlieren. Drittens: Resilienz der Logistik bedeutet auch industrielle Anbindung. Verbrauchsgüter – von der 155-mm-Granate bis zur FPV-Drohne – müssen im Bedarfsfall in relevanten Stückzahlen nachproduzierbar sein: Verträge mit der inländischen Industrie, gesicherte Lieferketten für kritische Komponenten und die Fähigkeit zur raschen Hochskalierung gehören damit zur Verteidigungsfähigkeit selbst. Weiter muss die Instandsetzung (am Beispiel von Drohnen allenfalls sogar die Produktion mittels 3D-Druck) gewisser Fähigkeiten frontnah – durch die Truppe selbst – sichergestellt werden können.

Doktrinelle Antwort: Zonengebundene Verteidigung

Wie eingangs erläutert ist ein Bewegungskrieg, in welchem mit grossen Manövern und entsprechend massiertem Kräfteansatz die Entscheidung gesucht wird, unter den aktuellen Bedingungen nicht erfolgversprechend. Vielmehr muss es in Zukunft darum gehen, den Gegner innerhalb definierter Zonen entlang tiefgestaffelter, aufgelockerter Kampfdispositive mittels Sperren, Feuer und begrenzten offensiven Aktionen abzunützen. Ziel dabei ist es, den Gegner auf längere Sicht zum Abbruch seiner Kampfhandlungen zu zwingen. Die Bodentruppen stützen sich dabei auf die vorhandenen Führungs-, Kampf- und Logistikinfrastrukturen ihres Raums. Grosse Verbände koordinieren über mehrere Zonen hinweg und setzen die quantitativ begrenzten Mittel ein (bodengestützte Luftverteidigung, Genie, Feuer, Drohnen).

Schlüsselzonen. Eigene Kräfte konzentrieren sich auf ausgewählte, verteidigungsstarke Schlüsselzonen – überbautes Gelände, dominierende Geländeerhöhungen, künstliche und natürliche Geländehindernisse, kritische Verkehrsknoten und Transversalen – und entfalten dort ihre volle Wirkung im Verbund: die Infanterie als Rückgrat der Geländebeherrschung im überbauten Gelände, die mechanisierten Mittel als bewegliches Element für Feuerkraft und Gegenstösse. Eine Schlüsselzone ist dabei kein Verteidigungspunkt, sondern ein Verteidigungsraum, in dem sich Sperrwirkung und aktive Verteidigung verbinden: Hindernisse und Sperren kanalisieren den Gegner in vorbereitete Wirkungsräume; Stützpunkte halten die taktisch entscheidenden Geländeteile und bilden das Rückgrat des Feuers; begrenzte Gegenstösse vernichten durchgebrochene gegnerische Kräfte und stellen die ursprüngliche Lage wieder her. Sperren, Stützpunkte und Gegenstösse sind keine isolierten Elemente, sondern Teile einer abgestimmten Verteidigung.

Truppenleere Räume. Die zonengebundene Verteidigung erzeugt bewusst truppenleere Räume zwischen den Schlüsselzonen. Diese Räume sind kein Vakuum, sondern Wirkungsräume – für unbemannte Bodenmittel, Artilleriefeuer, Loitering Munition und vernetzte Sensorik. Wer truppenleere Räume nicht aktiv beherrscht, verliert sie – zuerst durch Aufklärung, dann durch gegnerische Wirkung. Voraussetzung ist eine konsequente Vernetzung mit satellitengestützter Redundanz, damit die Wirkung in diesen Räumen rechtzeitig und koordiniert erfolgen kann.

Wirkung auf Distanz. Vor und in den Schlüsselzonen wirken die eigenen Mittel gestaffelt in die Tiefe. Wer früh aufklärt, muss auch früh bekämpfen können – sonst verliert der Aufklärungsvorsprung seinen Wert. Entscheidend ist dabei nicht das einzelne Waffensystem, sondern die Geschwindigkeit, mit der der SNFW-Kreislauf geschlossen wird. Die «Drone Wall» lässt sich als gestaffelte Wirkung in drei Zonen denken, die sich vom vorderen Rand bis in rund 20 Kilometer Tiefe erstrecken.

«Drone Wall», Darstellung aus dem HE, nach «Draft initial concept for the use of loitering munitions in NATO exercises and operations». (Grafik: NAAG Secretariat)
«Drone Wall», Darstellung aus dem HE, nach «Draft initial concept for the use of loitering munitions in NATO exercises and operations». (Grafik: NAAG Secretariat)

In der Verzögerungszone (20–10 km) werden mit organisch eingeteilten Aufklärungsdrohnen und Loitering Munition mittlerer Reichweite, in Verbindung mit Artilleriefeuer, vorrückende gegnerische Verbände gestoppt, zerschlagen oder gestört. Beweglichkeit wird eingeschränkt, gezielte Wirkung wird bei kritischen Elementen des Gegners erzielt – Führung, Logistik, Kampf- und Schützenpanzer.

In der Abnützungszone (10–5 km) wird die Kampfkraft des Gegners schrittweise reduziert. Aufklärungsdrohnen und FPVDrohnen kurzer Reichweite, 120-mm-Mörser und Gegenmobilitätsmassnahmen (Hindernisse, Sperren) treiben vorrückende Kräfte in konzentrierte Vernichtungsräume.

In der Zerstörungszone (5 km bis zum vorderen Rand) wirken die Direktfeuerwaffensysteme – Kampfpanzer, Schützenpanzer und die Panzerabwehrmittel der Infanterie – im Verbund mit dem Einsatzplan des Bataillons.

Diese gestaffelte Wirkung verlangt vom Bataillon eine Fähigkeit, die auf dieser Stufe bisher nicht selbstverständlich war: die gleichzeitige Führung von Aufklärung, Artilleriefeuer, Drohnen und Direktfeuer über eine Tiefe von 20 Kilometern. Die Priorisierung der Mittel wird damit zur zentralen Führungsaufgabe auf Stufe Bataillon und Brigade: Welche Ziele rechtfertigen teure Munition, welche werden durch kostengünstige Drohnen abgenutzt? Wo lohnt sich Wirkung auf grosse Distanz, wo ist Zurückhaltung zugunsten des Nahbereichs geboten?

Folgerungen für die Fähigkeitsentwicklung am Boden

Aus dem bisher Gezeigten folgen fünf Schwerpunkte für die Fähigkeitsentwicklung der Bodentruppen. Doktrin allein genügt nicht: Sie muss sich auf Mittel abstützen können, die auf dem heutigen Gefechtsfeld bestehen. Die fünf Stossrichtungen sind nicht nacheinander, sondern parallel anzugehen – sie tragen sich gegenseitig.

1. Drohnen – Aufklärung, Wirkung und Abwehr im Verbund. Den grössten Nachholbedarf haben die Bodentruppen bei den unbemannten Systemen. Eigene Aufklärungs- und Angriffsmittel sind heute auf jeder Stufe einsetzbar. Sie reduzieren das Personenrisiko, beschleunigen den SNFW-Kreislauf und ermöglichen Wirkung auf bisher unerreichbaren Distanzen.

Drei Mittel sind dabei untrennbar: Aufklärungsdrohnen (ISR) für persistente Aufklärung – von der Gruppe mit Kleindrohnen bis zum Bataillon mit Mitteln längerer Verweildauer; Angriffsmittel und Loitering Munition, um den Gegner auf Distanz zu treffen, bevor eigene Truppen in seinen Wirkungsbereich eintreten; eine echte Drohnenabwehr (C-UAS), die den Verbund schützt. Sensorik und Wirkung auf Distanz ohne C-UAS sind verwundbar; C-UAS ohne eigene Sensorik und Angriffsmittel ist initiativlos. Nur der Verbund trägt.

Wirkungsvoller Schutz ist nur mehrschichtig erreichbar, weit vor dem Einzelfahrzeug: frühzeitige Detektion durch Aufklärungs- und Frühwarnmittel, elektronische Kampfführung gegen die gegnerische Drohnensteuerung und kinetische Wirkung gegen durchdringende Mittel.

Passive Massnahmen – Tarnen, Schutzaufbauten, Signaturreduktion – wirken über alle Schichten hinweg; aktiver Schutz schliesst auf Stufe Einzelfahrzeug die letzte Lücke. Wer nur auf eine Schicht setzt, bleibt verwundbar. Drohnenabwehr ist damit keine Fähigkeit unter vielen, sondern die Voraussetzung dafür, dass alle anderen auf dem transparenten Gefechtsfeld überhaupt zur Wirkung gelangen – und sie liegt nicht bei den Bodentruppen allein, sondern ist Teil eines domänenübergreifenden Schutzdispositivs.

2. Vernetzung – redundant und signaturarm. Drohnen, Sensorik und gestaffelte Wirkung in die Tiefe sind nur so gut wie die Vernetzung, die sie zusammenführt. Die Integration der Bodentruppen in das neue Führungs- und Informationssystem IPLIS ist zu beschleunigen. Die darunterliegende Kommunikation muss modern, redundant und ausfallsicher sein – über militärische Funknetze, satellitengestützte Verbindungen und, wo immer möglich, mit der Fähigkeit zur signaturarmen Einbindung in zivile Netze. Wer im transparenten Gefechtsfeld erkennbar funkt, wird angegriffen; wer sich im zivilen Datenrauschen verstecken kann, gewinnt einen entscheidenden Vorteil. Der leitende Grundsatz dabei: Aktualisierbarkeit und offene Schnittstellen sind wichtiger als tiefe Systemintegration. Was heute optimal integriert ist, kann morgen ein Hindernis für die nächste Systemgeneration sein.

3. Unmanned Ground Vehicles – Logistik zuerst. Unbemannte Bodensysteme (UGV) werden zunehmend auf dem Gefechtsfeld eingesetzt. Wie bei Drohnen verläuft ihre Entwicklung sehr schnell. Ein rascher Kompetenzaufbau soll in diesem Bereich in den nächsten Jahren erfolgen. Dennoch: Eine echte autonome Kampfführung am Boden ist noch einige Zeit entfernt. Das Gros der heutigen Einsätze erfolgt ferngesteuert, zudem werden 90 Prozent der in der Ukraine eingesetzten UGV in der Einsatzlogistik verwendet: Versorgungstransport in bedrohten Räumen, Verwundetentransport unter Drohnenbeobachtung, Räumaufgaben in Sperrzonen usw. Hier ist der operationelle Mehrwert bereits heute klar erkennbar und der Fähigkeitsaufbau soll in einer ersten Phase prioritär in dieser Richtung erfolgen. Weitere Anwendungsfelder im Bereich Kampf und Sensorik zeichnen sich jedoch ab und sollen im Rahmen des Kompetenzaufbaus weiterverfolgt werden, um dann zu skalieren, wenn die Technologie reif ist.

4. Artillerie – Wirkung im operativen Vorgelände. Die Artillerie bleibt ein zentraler Wirkungsträger – gerade auf dem transparenten Gefechtsfeld, welches eine rasche, witterungsunabhängige Wirkung in der Tiefe verlangt. Ihre Bedeutung liegt zunehmend im Vorgelände der oberen taktischen und operativen Stufe: weit vor den eigenen Schlüsselzonen, präzise gegen gegnerische Logistik, Führung und Truppenkonzentrationen. Konventionelle Rohrartillerie deckt den taktischen Tiefenraum ab; für die Wirkung in grösserer Tiefe (bis ca. 500 km) ist mittelfristig die Beschaffung von Raketenartillerie und Kampfdrohnen/Loitering Munition grosser Reichweite voranzutreiben. Ohne eigene Tiefenwirkung verzichtet die Armee auf das wirksamste Mittel, dem Gegner die Initiative zu nehmen, bevor er die eigenen Verbände erreicht.

5. Keep your systems relevant – Substanz halten, klug priorisieren. Die Bodentruppen der Schweizer Armee werden bis weit in die 2030er-Jahre noch mehrheitlich die Systeme zum Einsatz bringen können, welche bereits heute zur Verfügung stehen (zum Beispiel Leopard 2 WE, Spz 2000 WE, Piranha II, GMTF usw.), beziehungsweise jene, welche sich in den kommenden Jahren im Zulauf befinden (Mörser 16, Pi Pz, TASYS, Spike LR 2 usw.). Es gilt diese weiterhin leistungsfähigen Systeme durch eine geschickte Integration in die Doktrin, durch angepasste Einsatzverfahren in Kombination mit den oben erwähnten neuen Fähigkeiten und durch zielgerichtete Werterhaltungsprogramme relevant zu halten. Die technologische Entwicklung verläuft zurzeit so schnell, dass sich für gewisse Systeme noch nicht abschätzen lässt, in welcher Form sie in Zukunft abgelöst beziehungsweise weiterentwickelt werden sollen. Als bestes Beispiel kann hier unser Kampfpanzer Leopard 2 WE herhalten: Neue Kampfpanzer oder entsprechend leistungsfähige UGV auf dem Markt überzeugen angesichts der rasanten technologischen Entwicklung noch nicht – Kosten und Nutzen stehen in keinem vertretbaren Verhältnis.

Über die Substanzerhaltung hinaus sind die begrenzten Beschaffungsmittel dort einzusetzen, wo sie den grössten taktischen und operativen Mehrwert generieren: bei Systemen, die einen entscheidenden Vorteil generieren und das Gesamtsystem Domäne Boden stärken – Tiefenaufklärung, Tiefenwirkung, Führungssystem-Integration, Drohnenabwehrfähigkeiten. Investitionen, die ausschliesslich einen geringen taktischen Nutzen – bei zugleich hohen Kosten – generieren, sind demgegenüber zurückzustellen. Der Massstab ist nicht, was schön zu haben wäre, sondern was im Gefecht den entscheidenden Unterschied macht.

Fazit

Das Gefechtsfeld ist transparent, die Bedrohung durch unbemannte Mittel allgegenwärtig. Die Bodentruppen bestehen auf dem modernen Gefechtsfeld nur noch im engen Verbund – Infanterie, mechanisierte Kräfte und Artillerie – eingebettet in Aufklärung, unbemannte Wirkmittel, mehrschichtige Drohnenabwehr und durchgehende Vernetzung. Doktrin und Mittel sind entlang der oben beschriebenen Eckwerte zu schärfen, mit klarer Priorität auf Fähigkeiten mit entsprechendem Mehrwert für das Gesamtsystem Boden. Die technologische Entwicklung wartet nicht: Wer nicht schnell genug ist, verliert die Initiative auf dem Gefechtsfeld.

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