Das moderne Gefechtsfeld erschüttert Verfahren, Einsatzkonzepte und Armeeorganisation
Russlands Aggression schlägt mit grosser zeitlicher Verzögerung nun auch immer stärker bis in die Schweiz durch. Vier Jahre nach dem Beginn von Putins offenem Krieg gegen die Ukraine haben die Entwicklungen auf dem dortigen Gefechtsfeld hierzulande nicht nur zu einer Überprüfung und Anpassung der Einsatzverfahren geführt, sondern auch Auswirkungen auf die Beschaffungsprioritäten. Der Fokus wird auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen ausgerichtet, was heisst auf Cyberangriffe, Angriffe aus der Distanz, auf Sabotage oder Spionage – und was die Schweiz zur Abwehr dieser Gefahren benötigt.
Auch an der Personalfront sind erste Massnahmen ergriffen worden. Die durch Abgänge in den Zivildienst schrumpfenden Bestände von Armee und Zivilschutz rufen nach Massnahmen. Die knapp gewonnene Abstimmung am 14. Juni mit Verschärfungen im Zivildienstgesetz, um der Abwanderungsbewegung Einhalt zu gebieten, kann aber erst der Anfang gewesen sein. Eine baldige Zusammenlegung von Zivilschutz und Zivildienst zu einem Sicherheitsdienst tut Not.
Und jetzt folgt angesichts der neuen Realitäten also auch ein Umbau der Strukturen. Wie der Bundesrat am 19. Juni erklärt hat, soll es weg von der Ausbildungs- hin zur Einsatzarmee gehen. Damit verbunden ist auch eine neue Einsatzkonzeption. Anstelle der vier Territorialdivisionen, die einst primär mit Blick auf subsidiäre Einsätze gebildet worden sind, sollen nun drei Einsatzdivisionen gebildet werden, verantwortlich für die Landesteile Nord/Ost, West und Süd.
Bis anhin stellen die vier Territorialdivisionen die Verbindung zu den zivilen Behörden sicher. Im Falle eines umfassenden Angriffs wäre vorgesehen, dass mechanisierte Brigaden in deren Räumen den Verteidigungsauftrag erfüllen. Der Bundesrat hat nun richtig erkannt, dass dieser Führungswechsel zwischen Territorialdivision und mechanisierter Brigade dem Grundsatz einer einheitlichen Führung aller Einsätze zuwiderläuft.
Wenn es weniger grosse Verbände gibt, sind auch weniger Stäbe nötig. Klare Einsatzstrukturen führen zur Abschaffung zudem von Parallelorganisationen. Das schlägt sich auch bei den Positionen für höhere Stabsoffizieren nieder. Verteidigungsminister Martin Pfister will deren Zahl um rund einen Viertel reduzieren.
Die jetzt präsentierte Neuausrichtung der Armee ist offensichtlich stark finanzgetrieben. 80 Prozent der Investitionen sollen auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen ausgerichtet sein, gerade einmal 20 Prozent sollen noch in den Erhalt der schweren Mittel fliessen, die gegen die gefährlichsten Bedrohungen gerichtet sind. Auf den ersten Blick kommen die neuen Leitlinien des Bundesrates einem Plan B gleich: Wenn – angeblich – das Geld fehlt, fokussiert man sich auf das Allernötigste. In der nächsten ASMZ werden wir die geplante Neukonzeption vertieft analysieren.
Eine erste konkrete Antwort auf die Bedrohung durch Drohnen ist die Schaffung des ersten eigenen Drohnenbataillons. Bis 2028 soll es stehen und über Fähigkeiten zur Aufklärung sowie zur Bekämpfung von Zielen verfügen.
Der Kommandant Heer zeigt in der Juli-Nummer der ASMZ auf, was das moderne, gläserne Gefechtsfeld für unsere Bodentruppen bedeutet, und wie die Antworten darauf aussehen müssen, welche Anpassungen es nicht nur bei der Ausrüstung, sondern auch bei den Verfahren braucht. Die zunehmende Überbauung in Kombination mit der technologischen Entwicklung erschweren etwa die rasche und ungehinderte Verschiebung von Bodentruppen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die bisherige Doktrin der dynamisch geführten Verteidigung nicht mehr erfolgversprechend umsetzen. Künftig bildet deshalb das Gelände ab Landesgrenze die Basis für den Kampf im Rahmen einer zonengebundenen Aktionsführung. Dort soll es auch zur Rückkehr eines Mittels aus dem Kalten Krieg kommen: einer zeitgemässen Nutzung von bewährten Sperrstellen (siehe ASMZ 10/2025 „Die Mittel des ‚armen‘ Mannes“).
Und wir schauen, ob die aktuellen Grundsätze im Gefecht, also die Einsatz- und die taktischen Grundsätze, überhaupt noch taugen, um in diesem transparenten Umfeld bestehen zu können.

