Neue Leitlinien, aber noch immer keine Eile
Einrollen und Stacheln zeigen: Die Schweiz setzt mit den jüngst verkündeten bundesrätlichen Leitlinien zur Verteidigung künftig wieder auf die Igelstrategie: sich einrollen, wenn Gefahr droht. Da die eigenen Stacheln aber in den letzten 30 Jahren ziemlich stumpf geworden sind, wird bei der Abwehr eines Angriffs auf die tatkräftige Mithilfe der umliegenden Staaten gezählt.
In diesem Heft stehen diese Leitlinien sowie die Rüstungsplanung im Zentrum. Die beiden Papiere werden zusammengefasst vorgestellt. Brigadier Hans-Jakob Reichen zeigt auf, wie sich die Armee in den nächsten Jahren entwickeln soll. Und in vier Beiträgen analysieren zwei ASMZ-Redaktoren sowie die Präsidenten der SOG und der VMG die Leitlinien. Schliesslich wirft der Militärhistoriker Peter Mertens einen Blick auf militärische Zeitenwenden.
Das Wort Armeereform wird von Bundesrat und Armeeführung im Zusammenhang mit den neuen Leitlinien gescheut. Doch das moderne Gefechtsfeld und die hinhaltende Weigerung von Bundesbern, endlich genug Geld für eine adäquate militärische Antwort zu sprechen, bedingen eine Neuorientierung. De facto führt die jetzt verkündete Abkehr von der dynamischen Raumverteidigung zurück zu einer zonengebundenen Verteidigung oder Aktionsführung zu einem kompletten Umkrempeln der Armee. Strukturen und Verfahren müssen angepasst werden.
Während wir uns in Zeiten der Armee 61 mit der Strategie der Abwehr aber auf eine Rundumverteidigung ausgerichtet haben, erlauben die heute nur noch beschränkt vorhandenen Mittel lediglich ein punktuelles Einrollen – um beim Igelvergleich zu bleiben. Abgewehrt werden soll an jenen Achsen, an denen es am meisten brennt. Wie wir uns den Kampf der Bodentruppen in der zonengebundenen Verteidigung vorzustellen haben, hat Divisionär Yves Gächter, der Kommandant Heer, in der Juli-Nummer der ASMZ eindrücklich aufgezeigt.
Angesichts der wahrscheinlichsten Bedrohungen durch Angriffe aus der Distanz sowie hybride Aktionen steht aber ohnehin nicht die Domäne Heer im Vordergrund. Gefragt sind vielmehr Leistungen, die primär von der Luftwaffe sowie dem Kommando Cyber und elektromagnetischer Raum erbracht werden müssen. Doch die technologische Entwicklung – siehe etwa Drohnen in der Luft, am Boden oder im Wasser – verläuft rasant.
Dies bedingt ebenfalls eine permanente Anpassung an die Erfordernisse des modernen Gefechtsfelds, das selbst für die Schweiz eben nicht mehr nur am Boden und in der Luft, sondern auch weit oben im Weltall und im Cyberraum liegt. Vermutlich ist dies auch ein Grund dafür, warum nicht von einer Armeereform gesprochen werden soll, denn eine solche suggeriert, mit einmal angepassten Strukturen sei es getan. Tatsächlich aber sind viel Flexibilität und eine ständige Weiterentwicklung verlangt. Vielleicht ist also nach der Armee XXI und der WEA die Zeit der «Armee Flex» angebrochen.
Mit den Leitlinien hat der Bundesrat zwar nun einen Plan, wie der Bedrohung der Schweiz militärisch begegnet werden soll. Doch in der hiesigen Politik scheinen die Uhren anders zu laufen als im Rest von Europa. Während dort im Eiltempo gerüstet wird, um russischen Aggressionen entgegentreten zu können, wird hierzulande allen Ernstes vorgesehen, dass die Armee irgendwann in den 2030er-Jahren in der Lage sein soll, wenigstens Raketen, Marschflugkörper oder die schon heute präsenten Drohnen abwehren zu können. Die Abwehr eines umfassenden Angriffs auf die Schweiz muss bis 2040 warten.
Der Ernst der Lage ist noch immer nicht bis zu den einzelnen Departementen durchgedrungen. Anders ist nicht zu erklären, dass die Landesregierung Verteidigungsminister Martin Pfister vor den Sommerferien mit seinem Plan auflaufen liess, dem Parlament im Eilverfahren über fünf Milliarden Franken für den rascheren Aufbau der Luftverteidigung zu beantragen.
Auf dem Papier wird priorisiert, doch in der Realität ist selbst die flexiblere Rumpfarmee nicht bezahlt. In den nächsten zehn Jahren will die Landesregierung rund 31 Milliarden Franken zusätzlich einschiessen. Grosse Sprünge erlaubt das nicht. SOG-Präsident Michele Moor weist darauf hin, die Geschichte zeige, dass Staaten selten an fehlenden Strategien scheitern. Sie scheitern häufiger daran, dass richtige strategische Erkenntnisse nicht rechtzeitig in konkrete Fähigkeiten umgesetzt werden.
Von der Geschichte zum Schluss zurück zu Geschichten rund um Igel: In der norddeutschen Fabel vom Hasen und dem Igel, in der sich die beiden wiederholt Wettrennen liefern, geht Letzterer dank eines Tricks stets siegreich hervor. Der Igel postiert seine zum Verwechseln aussehende Frau im Ziel, während der Hase sich zu Tode hetzt. Der Schweizer Igel darf auf einen solchen Erfolg gegen einen rasch agierenden Gegner nicht hoffen. Ihm fehlt ein Double, durch das sich ein Kontrahent täuschen liesse. Der Schweizer Igel meinte, es sei schlau, aus Kostengründen auf ein solches Doppel zu verzichten …

