EditorialEinsatz und Ausbildung

Der Kampf der verbundenen Waffen wird noch anspruchsvoller

Die Nachrichten aus Bundesbern lösen gemischte Gefühle aus. Da ist zum einen die Festsellung, dass es bei der Beschaffung der F-35 nie einen Fixpreis gab und man sich durch einen Vertragspassus einer Selbsttäuschung hingab. Trotz diesem bösen Dämpfer ist zum anderen die diesjährige Armeebotschaft samt Zusatzkredit für ebendiesen F-35 ohne Abstriche von beiden Räten angenommen worden. Wenn es aber dann um die Finanzierung des Wiederaufbaus unserer Verteidigungsfähigkeit geht, wird im Bundeshaus noch immer fleissig weitergewurstelt, die Parteien produzieren Rohrkrepierer am Laufmeter und feuern Wortsalven aufeinander.

Das Hauptaugenmerk dieser Ausgabe wird aber nicht auf die Scheingefechte im Bundeshaus, sondern auf das richtige Schlachtfeld gerichtet. In den letzten Wochen sind den ukrainischen Truppen im Donbass erfolgreiche Gegenoffensiven mit namhaften Geländegewinnen gelungen. Dabei haben die Monate zuvor noch den Eindruck hinterlassen, dass es auf dem gläsernen Gefechtsfeld nur noch festgefahrene Fronten gäbe.

Die Ukrainer haben bewiesen, dass der Bewegungskrieg nicht tot ist, sondern sich nur gewandelt hat. Der französische Militärhistoriker Michel Goya und der australische Militärstratege Mick Ryan haben den jüngsten Vorstoss bei Lyman analysiert. Und sie sind zum Schluss gekommen, dass die Ukraine dank einer Kombination aus Operationssicherheit und Täuschung, elektronischer Kampfführung, Massahmen zur Unterbindung der gegnerischen Aufklärung, Angriffen auf russische Drohnen und Sensoren, Störung der Kommunikation sowie Schlägen gegen Führungseinrichtungen und Logistik zum Erfolg gekommen sind. Quasi ein Kampf der verbundenen Waffen 2.0.

Laut Goya ist es den Ukrainern gelungen, vorübergehende eine «Blendblase» über dem Schlachtfeld zu schaffen. Das klassische Vorgehen funktioniert angesichts des gläsernen Gefechtsfeldes aber nicht mehr, also nicht mehr nur: gegnerische Schwachstelle finden, eigene Kräfte konzentrieren, durchbrechen und Überlegenheit ausnutzen. Der französische Militärhistoriker stellt fest, dass es vor einer Bewegung der eigenen Truppen zunächst das gegnerische System zeitlich und räumlich zu stören gilt. Er sieht ein Ablaufmuster von verbergen, aufklären, blenden und stören, isolieren, konzentrieren, manövrieren und dann wieder auflockern.    

Schon der bisherige verbundene Waffeneinsatz ist schwierig und auf allen Stufen die anspruchsvollste Gefechtsführung überhaupt. Das in der Ukraine beobachtbare System wirkt potenziell noch komplexer. Kommandanten müssen Aufklärung, Gegenaufklärung, elektronische Kampfführung, Täuschung, Drohnen, Fernwaffen, Kommunikation, Logistik, Infanterie und mechanisierte Verbände – richtig, die sind auch künftig unabdingbar – synchronisieren. Und das wohlgemerkt, während der Gegner gleichzeitig versucht, genau dasselbe System auf der anderen Seite zu zerschlagen.

Wo die Schweizer Armee, die sich wieder auf den Einsatz fokussiert, heute beim Kampf der verbundenen Waffen steht, wo Defizite bestehen, all dies zeigen wir in mehreren Beiträgen auf. Dabei beleuchten wir auch einzelne Komponenten wie das indirekte Feuer oder den Drohneneinsatz.

Der Chef der Armee, Korpskommandant Benedikt Roos, macht in seiner Kolumne klar:  Die entscheidende Fähigkeit der Streitkräfte von morgen wird darin liegen, Menschen, klassische Waffensysteme und neue Technologien möglichst schnell und wirksam miteinander zu verbinden. Der Kampf der verbundenen Waffen bleibt bestehen – doch dieser Verbund wird vernetzter, schneller und zunehmend durch unbemannte Systeme und KI geprägt.