Einsatz und AusbildungSicherheitspolitik

Armee forciert den Ausbau des Drohneneinsatzes

Ein Zentrum Unbemannte Systeme, eine erste Drohnen-RS im 2027 und ein erstes Drohnenbataillon im 2028: Die Schweizer Armee setzt auf die Robotik. Und gibt einen Einblick, was sie heute schon beherrscht.

Ein Schützenpanzer rollt in hohem Tempo Richtung Zielhang auf dem Waffenplatz Thun. Plötzlich wird er von einer Angriffsdrohne ins Visier genommen. Die SLM-10 der Firma Auterion Defense Switzerland AG mit Sitz in Zürich stürzt sich auf den Panzer. Der Bediener hat für die Drohne das Ziel ausgesucht. Ist dieses von der Drohne einmal erfasst, führt sie den finalen Zielanflug selbst durch. An diesem 27. August ist die fest eingebaute Nutzlast der Drohne inert. Doch Ziel des Systems ist es, künftig auch gepanzerte Ziel mit speziellen Ladungen bekämpfen zu können. Welche genau das sein sollen, prüft derzeit die Taskforce Drohnen der Armee.

„Drohnenkiller“ aus Thun

Szenenwechsel: Zwei Soldaten nehmen mit ihren Sturmgewehren 90 anfliegende Kleindrohnen ins Visier und holen allesamt vom Himmel. In ihren Magazinen haben die beiden Shatter4K-Munition abgespitzt, die von der Thuner Firma SwissP entwickelt worden ist. Das Mehrfachprojektil-Konzept setzt nach Verlassen des Laufes vier Effektoren frei. Durch deren kontrollierte Streuung wird die Trefferwahrscheinlichkeit gegen kleine, bewegliche Drohnen und Luftziele deutlich erhöht. Ob die neuartige Munition für die Armee beschafft wird, ist laut Rüstungschef Urs Loher noch offen.

«Drohnenkiller» im Einsatz: Zwei Soldaten schiessen mit Shatter4K-Munition Kleindrohnen ab. (Bild: Christian Brändli)
«Drohnenkiller» im Einsatz: Zwei Soldaten schiessen mit Shatter4K-Munition Kleindrohnen ab. (Bild: Christian Brändli)

Über allem schwebt eine Aufklärungsdrohne der deutschen Firma Quantum Systems. Die von Schweizer Soldaten gesteuerte Drohne kann bis zu vier Stunden in der Luft bleiben und in Echtzeit Bilder an die Bodenstation liefern. Auf diesen zu sehen ist dann nicht nur die Gruppe von Medienvertretern, die den Demonstrationen zusieht, sondern auch ein Bodenroboter, der sich durchs Gelände nähert. Der „Transformer“ kann Lasten von bis zu 150 Kilo tragen. Mit seinen Beinen und Rädern ist er äusserst flexibel und in jedem Terrain einsetzbar. Der Prototyp, der auch autonom navigieren kann, hat Batterien für einen 60-minütigen Einsatz. Entwickelt worden ist er von der ETH Zürich.

Ein Zentrum für Entwicklung und Erprobung

In einer Ausstellung sind weitere Drohnen und Bodenroboter zu sehen, darunter auch ein ferngesteuertes System zur Drohnenabwehr. Auf einer Lafette ist ein Maschinengewehr montiert. Entwickelt worden ist das Gerät, von dem bis heute fünf Exemplare existieren, von Armasuisse Wissenschaft und Technologie (W+T), wie Markus Höpflinger, Leiter des Schweizer Drohnen- und Robotikzentrums VBS, erklärt. Dieses Gerät ist bewusst sehr kostengünstig ausgelegt. Die Bewegungsplattform alleine kostet rund 15000 Franken, der Prototyp ohne Sensoren etwa das Doppelte und ein komplettes, einsatzfähiges System rund 100‘000 Franken.

Solche und weitere Roboter will das VBS, das einen strategischen Schwerpunkt auf Drohnen, Drohnenabwehr und Robotik setzt, in einem Zentrum Unbemannte Systeme entwickeln. Neue Technologien sollen dort gemeinsam mit Wissenschaft und Wirtschaft erprobt und in die Truppe integriert werden, wie Verteidigungsminister Martin Pfister (Mitte) Ende August erklärte.

Bundesrat Martin Pfister gratuliert einem Drohnenpiloten zu dessen Leistung. (Bild: Christian Brändli)
Bundesrat Martin Pfister gratuliert einem Drohnenpiloten zu dessen Leistung. (Bild: Christian Brändli)

Mit dem Zentrum schafft das VBS ein zivil-militärisches Zentrum für Drohnen und Robotik. Es besteht aus einem Tech Hub und einem militärischen Kommando. Im Tech Hub werden die Bedürfnisse der Truppe, die technologische Kompetenz der Armasuisse sowie das Wissen von Hochschulen, Start-ups und Industrie gebündelt. Neue Lösungen sollen gemeinsam entwickelt, erprobt und rasch für den militärischen Einsatz nutzbar gemacht werden. Das militärische Kommando umfasst eine Versuchs- und eine Ausbildungsorganisation. Es erprobt neue Systeme unter möglichst realen Bedingungen und verantwortet die Ausbildung für das Drohnenbataillon, über das die Armee bis ins Jahr 2028 verfügen wird. Erkenntnisse aus der Truppe sollen über den Tech Hub rasch an Wissenschaft und Wirtschaft zurückfliessen. Das Kompetenzzentrum soll auch anderen Departementen, Kantonen und Blaulichtorganisationen offenstehen. Für Pfister ist die reibungslose Zusammenarbeit aller Staatsebenen und Organisationen zentral angesichts der Bedrohungslage.

Standort noch offen

Wie Pfister festhielt, stehe der Standort dieses Zentrums noch nicht fest. Verschiedene Orte würden evaluiert. Dass die Wahl in einem halben Jahr auf Thun fällt, würde nicht überraschen. Zum einen hat das VBS jüngst bekanntgegeben, dass es die bundeseigenen Flächen auf dem Waffenplatz Thun auch künftig für militärische Zwecke benötige. Diese befinden sich im Perimeter des Entwicklungsschwerpunkts Thun Nord. Dort besteht laut VBS Potenzial für die Ansiedlung und Vernetzung von verteidigungsrelevanten Industrie- und Forschungspartnern, beispielsweise in den Bereichen Drohnen, Robotik, Cyber oder neue Technologien. Das VBS will den Standort Thun als «Defence Cluster» weiterentwickeln und die Zusammenarbeit zwischen Armee, Industrie, Forschung und Innovation zu stärken.

Zum anderen wird die erste RS von Drohnensoldaten im 2027 stattfinden und zwar auf dem Waffenplatz Thun. Wie Armeechef Benedikt Roos an der Medienorientierung erklärte, würden die ersten Drohnenspezialisten unter den in diesem Jahr Ausgehobenen rekrutiert. Nach der Grundausbildung werden sie in Thun zusammengezogen.  Neben dem ab 2028 im Einsatz stehenden Drohnenbataillon wird das VBS die Drohnenkompetenzen breit in der Armee verankern. „Dabei kann die Armee auf das Wissen und die Erfahrung ihrer Milizangehörigen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie zurückgreifen“, hiess es am Medienanlass.

Kleine Stückzahlen, kürzere Zyklen

Das VBS investiert sowohl in den Einsatz von Drohnen als auch in deren Abwehr. Erste Systeme zur Drohnenabwehr sind bereits eingeführt. So kam beim G-7-Gipfel in Evian auf Schweizer Seite ein Störer zum Einsatz. Laut Roos wurden 250 Drohnen detektiert und in 100 Fällen eingegriffen.   Mit der Armeebotschaft 2026 hat der Bundesrat den weiteren Fähigkeitszuwachs eingeleitet. Mit dem Rüstungsprogramm 2027 sind weitere Mittel vorgesehen, um zusätzliche Infrastrukturen und Verbände zu schützen und das neue Drohnenbataillon auszurüsten.

Da sich die Technologien laufend und rasch ändern, will die Armee die Systeme gezielter, in kleineren Stückzahlen und in kürzeren Zyklen beschaffen. Was sich bewährt, soll rasch in der Truppe eingesetzt und aufgrund der dort gewonnenen Erfahrungen weiterentwickelt werden, betonte Rüstungschef Urs Loher.

Klare Zuständigkeiten bei der Drohnenabwehr

Für die Drohnenabwehr sind heute verschiedene Behörden und Stellen sowie private Betreiber von Infrastrukturen zuständig. Eine interdepartementale Arbeitsgruppe unter Leitung des VBS überprüft deshalb die bestehenden Zuständigkeiten und rechtlichen Grundlagen und klärt, welche Anpassungen angesichts der veränderten Bedrohungslage erforderlich sind.

Aufklärungsdrohnen werden flächendeckend eingeführt

Wie sieht die weitere Entwicklung aus, wenn das erste Drohnenbataillon erst einmal steht? Wird es einzelne Elemente geben, die einsatzunterstellt werden, oder ist vorgesehen, das Drohnenbataillon zu multiplizieren und diese Bataillone auf die Einsatzdivisionen zu verteilen?

KKdt Benedikt Roos, Chef der Armee. (Bild: Christian Brändli)
KKdt Benedikt Roos, Chef der Armee. (Bild: Christian Brändli)

Armeechef Benedikt Roos: Wir sind an der Entwicklung einer Konzeption. Es ist möglich, dass wir Elemente dieses ersten Bataillons einsatzunterstellen würden oder dass es als Ganzes eingesetzt würde auf oberer taktischer Stufe. Im Endausbau ist ebenso gut möglich, dass ein Bataillon nicht reicht, sondern dass wir zwei oder drei haben werden. So würden die Einsatzdivisionen über diese Fähigkeit verfügen.

Wird vorgesehen, dass bei allen Truppengattungen Mittel zur Aufklärung per Drohnen und zur Abwehr von Drohnen vorhanden sein werden – und eventuell sogar Angriffsdrohnen?

Roos: Auch das müssen wir konzeptionell prüfen. Drohnen als Sensor wird es überall geben müssen. Das braucht es flächendeckend in der ganzen Armee. Wir haben jetzt schon mal die Zahl der Aufklärungsdrohnen von 200 auf 2000 verzehnfacht. Das reicht aber noch nicht. Bei den Drohnen, die Wirkung erzielen, müssen wir prüfen, welche Verbände solche Mittel in welchem Szenario benötigen. Hier könnte ich mir gut vorstellen, dass solche Angriffsdrohnen einsatzunterstellt würden oder sogar Verbände organisch eingeteilt würden. Das alles hängt aber auch damit zusammen, wie unsere Artillerie der Zukunft aussehen wird. Heute haben wir Rohrartillerie. Aber die Frage stellt sich, ob wir künftig Loitering Munition oder anderes indirektes Feuer wie Raketenartillerie haben werden.

Früher hatten wir Flughafenbataillone und -regimenter. Wäre es denkbar, dass wir zum Schutz von kritischer Infrastruktur wieder spezielle Einheiten bilden?

Roos: Diese Frage ist ganz wichtig – und auch hier sind wir in Abklärung. Es gilt zu bedenken, was der zivile Betreiber für den Schutz seiner Infrastruktur selbst bieten muss. Aber bei einer Verschärfung der Lage ist es gut möglich, dass auch dort die Armee subsidiär zum Einsatz käme. Primär wären solche Truppen aber zur Abdeckung der eigenen Bedürfnisse gedacht. Wir setzen jetzt darauf, dass sich die Kantone und Polizeikorps am geplanten Drohnenhub partizipieren, so dass wir voneinander lernen können und auch voneinander profitieren, etwa bei der Beschaffung. Hätten wir ähnliche Systeme, ergäbe sich einfacher ein Gesamtverbund.

Zu einem solchen Zentrum Unbemannte Systeme gehörte doch auch ein Schiessplatz für die Erprobung und Ausbildung. Aufgrund der vielen Regulatorien sind solche Drohneneinsätze in der Schweiz aber kaum möglich. Wo stehen wir da heute?

Roos: Wir stellen derzeit eine solche Liste von möglichen Schiessplätzen zusammen. Wir müssen aber auch evaluieren, was sich politisch umsetzen lässt. Ein neuer Waffenplatz lässt sich nicht so leicht realisieren. Doch wir verfügen über bestehende Infrastruktur, die vielleicht angepasst werden könnte. Auf Stufe VBS wird parallel dazu geprüft, welche regulatorischen Anpassungen es braucht, damit wir in einem Gebiet testen und fliegen können – und das, ohne jedes Mal dafür eine spezielle Bewilligung einholen zu müssen.    

Wenn wir von einem Zentrum Unbemannte Systeme sprechen: Wie sähe die Kooperation mit Nachbarstaaten und weiteren Organisationen aus?

Rüstungschef Urs Loher: Grundsätzlich sind wir offen bezüglich der technologischen Entwicklung. Darin sind wir heute schon aktiv und nehmen gemeinsam Zertifizierungen vor. Das geschieht in erster Linie zusammen mit Deutschland. Das neue Zentrum ist aber in erster Linie für die Schweiz gedacht, für die Armee, Armasuisse Wissenschaft und Technologie und die Industrie. Wir suchen die Nähe zur Industrie, um die Adaptierfähigkeit der Systeme gewährleisten zu können. Wir müssen den schnellen Technologiezyklen folgen können, damit wir die Mittel dann haben, wenn wir sie brauchen. Ein Beispiel: Israel vollzog im Krieg, als es vom Iran angegriffen wurde, innert 48 Tagen 50 Softwareadaptionen bei seinen Lenkwaffen, um diese ins Ziel bringen zu können. Es galt, den sich ständig ändernden Abfangtechniken der Iraner Gegensteuer zu geben. Auch in der Ukraine können wir solche rasanten Entwicklungen beobachten. Die Ukrainer wählen die Zusammenarbeit mit Firmen nicht mehr aufgrund deren Systeme aus, sondern sie arbeiten mit jenen Firmen zusammen, die die höchste Adaptionsfähigkeit haben. Das wird auch bei uns der Fall sein. Ergo brauchen wir diese Industrie in der Schweiz.

Rüstungschef Urs Loher (Dritter von links) begutachtet einen von der Armasuisse W+T entwickelten Drohnenabwehrroboter. (Bild: Christian Brändli)
Rüstungschef Urs Loher (Dritter von links) begutachtet einen von der Armasuisse W+T entwickelten Drohnenabwehrroboter. (Bild: Christian Brändli)

Ist bei der Erprobung und der Ausbildung von unbemannten Systemen eine gemeinsame Nutzung von Schiessplätzen mit dem Ausland vorgesehen?

Loher: Es braucht sicher Schiessplätze im In- wie im Ausland. Je mehr wir aber in der Schweiz machen können umso besser.